{"id":1264,"date":"2024-10-24T21:27:47","date_gmt":"2024-10-24T19:27:47","guid":{"rendered":"https:\/\/frederic.bussmanns.eu\/blog\/?p=1264"},"modified":"2026-09-18T00:03:16","modified_gmt":"2026-09-17T22:03:16","slug":"1264-2","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/frederic.bussmanns.eu\/blog\/1264-2\/","title":{"rendered":"Festrede anl\u00e4sslich der Verleihung des Integrationspreises der Stadt Karlsruhe"},"content":{"rendered":"<p>24.10.2024, Rathaus Karlsruhe<\/p>\n<p>Meine sehr verehrten Damen und Herren,<br \/>\nsehr geehrter Herr B\u00fcrgermeister,<br \/>\nverehrte Gemeinderatsmitglieder,<br \/>\nund vor allem liebe Preistr\u00e4ger:innen: Elis\u00e9 Wamen, Joachim Kathari und Vertreter(:innen) der Firma Fuller Sanit\u00e4r!<\/p>\n<p>Haben Sie vielen Dank f\u00fcr die Einladung. Es ist mir eine Freude und Ehre, heute Abend hier anl\u00e4sslich der Verleihung des Integrationspreises der Stadt Karlsruhe an Sie sprechen zu d\u00fcrfen!<\/p>\n<p>Ich darf Ihnen sehr herzlich, liebe Preistr\u00e4ger:innen, f\u00fcr die Auszeichnung gratulieren. Das ist ein wichtiges und richtiges Zeichen der Anerkennung. Integration ist Grundlage unseres Zusammenlebens, und Sie tragen dazu bei! Vielen Dank daf\u00fcr!<\/p>\n<p>Bitte nehmen Sie es mir zugleich nicht \u00fcbel, wenn ich das Thema Integration in Verbindung bringe mit dem Thema der Migration: Ich finde, dass Integration und Migration es eigentlich nicht st\u00e4ndig im Mittelpunkt unserer \u00f6ffentlichen Debatten stehen sollten. Denn auf unser To Do-Liste stehen in Deutschland noch ganz andere, objektiv dr\u00e4ngendere Themen: der klimaneutrale Umbau unserer Gesellschaft und Wirtschaft, Infrastruktur, Digitalisierung, Bildung und vieles andere mehr. Wichtige Aufgaben \u00fcberall, da muss vieles getan werden<em>.<\/em> Aber wenn wir uns die Debatten in der Politik, in den Medien und im Internet anschauen, fokussiert sich fast alles auf ein anderes Themenfeld: n\u00e4mlich die Frage der sogenannten illegalen Migration, einer v\u00f6llig undifferenzierten Angst vor \u201eden\u201c Ausl\u00e4ndern, dem angeblichen Missbrauch unserer Sozialsysteme oder vor migrantischer Gewalt, die im \u00dcbrigen genauso zu verurteilen ist wie jede andere. Seit Jahren, ja Jahrzehnten haben wir es mit Diskursverschiebungen zu tun, die sich gegen Minderheiten und gegen Neub\u00fcrger:innen in Deutschland richten. Und diese Sie werden nicht nur von rechtspopulistischer und rechtsextremer Seite betrieben. Es gibt auch unz\u00e4hlige Beispiele, wo inzwischen leider auch Teile der demokratischen Mitte bisweilen rechtsextreme Framings \u00fcbernimmt. Vielleicht haben Sie vor einem Jahr das erschreckende Titelbild der Wochenzeitschrift DER SPIEGEL gesehen. Dort forderte Bundeskanzler Olaf Scholz laut: \u201eWir m\u00fcssen endlich im gro\u00dfen Stil abschieben\u201c. Der SPIEGEL schw\u00e4rmte dazu von Scholz\u2018 neuer H\u00e4rte in der Fl\u00fcchtlingspolitik. Ich finde, gro\u00dfer Stil sieht anders aus. Diesen Herbst haben die Wahlen in Th\u00fcringen, Sachsen und Brandenburg rechtsextreme Parteien auf ein H\u00f6chstniveau gebracht; aber auch im Westen sind die Zustimmungswerte hoch, auch im Westen greifen in der Mitte der Gesellschaft Diskriminierung und Xenophobie um sich. Hier ist der Inhalt vielleicht etwas eleganter verpackt, aber nichtsdestotrotz vorhanden. Kein Tag, an dem nicht irgendjemand eine h\u00e4rtere Politik in Migrations- und Fl\u00fcchtlingsfragen fordert (wie wenig originell). Verstehen Sie mich nicht falsch: Nat\u00fcrlich m\u00fcssen wir \u00fcber die Probleme, die Zuwanderung mit sich bringt, offen und selbstkritisch diskutieren, aber angesichts vieler dr\u00e4ngender Probleme scheint mir das nicht die zentrale Frage unserer Zeit heute zu sein, nicht die \u201eMutter aller Probleme\u201c, wie sich Horst Seehofer vor einigen Jahren ausdr\u00fcckte. Die in Medien und von interessierten Politiker:innen bewusst verbreitete Angst vor der Migration ist aus meiner Sicht selbst zu einem gro\u00dfen, hochrelevanten Problem f\u00fcr unsere Gesellschaft geworden, weil sehr viel dringendere Themen nicht ausreichend angegangen werden.<\/p>\n<p>Erlauben Sie mir hier eine Nebenbemerkung zum Thema Angst, Antisemitismus und Muslime: Nat\u00fcrlich sind die Angriffe auf j\u00fcdische Gemeinden hier, antisemitische \u00c4u\u00dferungen von Alt- und Neub\u00fcrgern v\u00f6llig inakzeptabel. Nat\u00fcrlich wollen wir hier keine Kalifat-Demonstrationen oder Angriffe von Gefl\u00fcchteten auf andere Menschen mit Messern oder Brandanschl\u00e4gen. Das geht aber doch einem gro\u00dfen Teil der muslimischen Menschen hier genauso wie nicht-muslimischen! Nat\u00fcrlich muss es klare Vermittlung von Werten und Haltungen, konsequentes Ahnden von Rechtsbr\u00fcchen geben, aber die Frage der Einwanderung ist sicherlich nicht die \u201eMutter aller Probleme\u201c, wie Horst Seehofer sich \u00e4u\u00dferte, um vom eigenen Versagen abzulenken. Sondern ich sehe sie eher als die Mutter von L\u00f6sungen vieler Probleme, auch wenn sicherlich neue Probleme entstehen.<\/p>\n<p>Der Karlsruher Integrationspreis ist dagegen eine hoffnungsvolle Auszeichnung. Er hebt Ihr Engagement hervor und das von vielen weiteren, die zum Zusammenhalt in der Gesellschaft beitragen. Ehrenvoll ist, dass Ihr Tun auf pragmatische Weise eine Schwierigkeit \u00fcberwindet, die vielen Angstszenarien zugrunde liegt: Sie f\u00fchren unterschiedliche Menschen zu einem Miteinander zusammen. Und das ist nicht immer einfach, sondern erfordert durchaus Energie und guten Willen, sodass Integration bisweilen auch als anstrengend und l\u00e4stig empfunden wird. Dabei meinten die R\u00f6mer noch etwas ganz anders, wenn sie von \u201eintegratio\u201c sprachen: Das Wort, das im 19. Jahrhundert aus dem Lateinischen entlehnt wurde, hei\u00dft seiner urspr\u00fcnglichen Wortbedeutung nach: \u201eErneuerung\u201c.<\/p>\n<p>Mir gef\u00e4llt der Gedanke. Offen ist, ob sich die Integrierenden erneuern oder die Integrierten, oder vielleicht beide?<\/p>\n<p>Dieser Wortidee nach ist Integration nicht blo\u00df das Gegenteil von Exklusion und Ausgrenzung, weniger ein Akt von Paternalismus oder eine g\u00f6nnerhafte Geste gegen\u00fcber Fremden, wie sie ja durchaus auch verstanden werden k\u00f6nnte. Wenn wir zur\u00fcckkommen auf die urspr\u00fcngliche Bedeutung der Erneuerung, dann impliziert schon das Wort \u201eIntegration\u201c: jede Gesellschaft und jeder einzelne Mensch hat ein ureigenes Interesse daran, eine offene und tolerante Form der Willkommenskultur zu entwickeln. Und im Rahmen unserer liberalen und toleranten Gesellschaftsordnung ist es nicht nur ok, wenn es unterschiedliche Kulturen gibt, verschiedene Sprachen, Religionen, sexuelle Orientierungen, Weltanschauungen und vieles mehr, sondern dies ist eine Bereicherung! Denn durch Vielfalt k\u00f6nnen wir unser eigenes Denken und unsere eigenen Werte erneuern. Wir k\u00f6nnen uns selbst erneuern ohne uns aufzugeben und k\u00f6nnen gemeinsam eine Zukunft entwickeln! Das sollte Integration sein, mit der ich auch an Vielfalt und Toleranz denke.<\/p>\n<p>Der Philosoph Karl Popper meinte: \u201eWir m\u00fcssen uns klar werden, dass wir andere Menschen zur Entdeckung und Korrektur von Fehlern brauchen \u2013 und sie uns. Insbesondere auch Menschen, die mit anderen Ideen, in einer anderen Atmosph\u00e4re aufgewachsen sind. Auch das f\u00fchrt zur Toleranz.\u201c<a href=\"#_ftn1\" name=\"_ftnref1\">[1]<\/a><\/p>\n<p>Durch Begegnung, Integration und Toleranz finden wir zu einer gemeinsamen Zukunft, so meine Hoffnung, in der wir Selbstkritik erlernen k\u00f6nnen und uns selbst im anderen reflektieren. Das ist das Versprechen einer gelungenen Integration. Und diese Form von Integration kann auf allen Ebenen passieren, auf der unmittelbaren nachbarschaftlichen, auf der kommunalen, aber auch mit Blick in die Geschichte nat\u00fcrlich auf der gro\u00dfen politischen Ebene.<\/p>\n<p>Daf\u00fcr gibt es viele Beispiele: Sei es die politische Integration Westeuropas nach dem Zweiten Weltkrieg als gro\u00dfes Friedensprojekt; sei es die Integration der damals sogenannten Gast- oder Vertragsarbeiter seit den 1950er Jahren; die Integration des Ostblocks nach dem Fall der Mauer in ein gemeinsames Europa, oder auch die immer noch schleppende Integration von Ost- und Westdeutschen. Integration ist auch die Erkenntnis, dass der Islam zu Deutschland geh\u00f6rt und dass Deutschland ein Einwanderungsland ist, dass wir die Aufnahme von Gefl\u00fcchteten aus Syrien 2015 ebenso schaffen k\u00f6nnen wie die von Ukrainer:innen nach dem russischen Angriffskrieg vor zwei Jahren. Wir schaffen das, ja, nat\u00fcrlich, denn wir haben ein ureigenes Interesse, dass wir integrieren und damit uns erneuern und eine gemeinsame Zukunft entwickeln. Was denn sonst? Sollen wir die Grenzen Europas innen und au\u00dfen dicht machen? Mauern hochziehen? Menschen im Meer ertrinken lassen oder nach Ruanda ausfliegen lassen? Das ist doch v\u00f6llig unsinnig und unmenschlich!<\/p>\n<p>Aber wer ist in diesem Diskurs eigentlich wir? Wer spricht, wer entscheidet \u00fcber die Integration, wer stellt die Spielregeln auf ? Wer hat die Handlungsf\u00e4higkeit (die man heute als \u201eAgency\u201c bezeichnet)? Tats\u00e4chlich wohnt jedem Integrationsdiskurs immer auch ein Machtdiskurs inne. Birgit Rommelspacher fand in den 1990er Jahren den Begriff \u201eDominanzkultur\u201c f\u00fcr eine inoffiziell hierarchisierte Gesellschaft, in der eine Gruppe die Normen und Regeln f\u00fcr alle festlegt. Auf diesem Gebiet hat sich in den letzten Jahren in der Bundesrepublik zum Gl\u00fcck viel getan. Denken Sie etwa an die Frage des Spracherwerbs und der Sprachf\u00e4higkeit zur nicht-deutschen Muttersprache. Aber dennoch, wir bewegen uns hier im Bereich von Identit\u00e4tspolitiken, die in einer postmigrantischen Gesellschaft wie der deutschen f\u00fcr einige autochthone Bev\u00f6lkerungsschichten offensichtlich eine Herausforderung darstellen. Der Begriff der postmigrantischen Gesellschaft wurde von Wissenschaftlerinnen wie Naika Faroutan der HU Berlin erforscht und beschreibt unter anderem eine Gesellschaft, die nicht nur anerkennt, dass sie eine Einwanderungsgesellschaft ist, sondern sich auch \u201enachholend\u201c durchl\u00e4ssiger in ihren \u201eStrukturen, Institutionen und politischen Kulturen\u201c zeigt, wie Naika Foroutan 2015 schreibt.<a href=\"#_ftn2\" name=\"_ftnref2\">[2]<\/a> Eine postmigrantische Gesellschaft ist in einem Prozess des Aushandelns auch bereit, die eigenen Narrative und kulturellen Paradigmen anzupassen. Da ist noch viel zu tun, aber ich sehe durchaus Anzeichen daf\u00fcr. Ein solcher Prozess der Anpassung kultureller Werte kann als schmerzhaft empfunden werden, wenn die eigenen Werte und \u00dcberzeugungen hinterfragt werden. Das betrifft zum Beispiel den mir unangenehmen Hinweis darauf, dass die Aufkl\u00e4rung, auf die wir doch so stolz als ideelle Fundierung unserer neuzeitlichen Demokratien zur\u00fcckblicken, auch Grundlagen f\u00fcr rassistische Menschenbilder gelegt hat.<\/p>\n<p>Auch kann eine Infragestellung oder Neubewertung der deutschen Erinnerungskultur als schmerzhaft empfunden werden. Der Politikwissenschaftler und Lyriker Max Czollek zum Beispiel sieht in ihnen ein \u201eErinnerungstheater\u201c und \u201eDisziplinierungsinstrument\u201c. Czollek hat seine Ansichten zuletzt als Festredner der Muslimischen Kulturtage im F\u00e4cher vor einem Monat hier ge\u00e4u\u00dfert. Sein Beitrag ist in Teilen durchaus kritisierbar, aber insgesamt richtig, denn er stellt angesichts des Aufstiegs rechtsextremer Parteien und Positionen in Deutschland fest, dass die deutsche Erinnerungskultur in ihrer abstrakten Vorstellung des Lernens aus der Geschichte auch ein Instrument der Selbstentlastung war. Und dass bisweilen diese Erinnerungskultur von rechter Seite heute auch als Instrument der Intoleranz gegen\u00fcber Minderheiten und politisch Andersdenkenden genutzt wird.<\/p>\n<p>In einer pluralen Gesellschaft sollte und darf es nicht die eine absolute Wahrheit geben, und das gilt auch f\u00fcr das Beispiel Antisemitismusbek\u00e4mpfung, wo f\u00fcr die vermeintlich \u201eeine Wahrheit\u201c bisweilen sogar die Form von Gesetzgebungen bem\u00fcht wird. Entsprechend fordert Czollek auch zum Dissens auf auf: \u201eDesintegriert Euch!\u201c<\/p>\n<p>Was macht das mit uns, wenn wichtige Paradigmen wie Aufkl\u00e4rung, Erinnerungskultur oder Integration, die konstitutiv f\u00fcr das Selbstbild unser Gesellschaft und auch meiner eigenen Identit\u00e4t ist, so infrage gestellt werden. Aber ich stelle auch fest: Es ist ein Beitrag zu einer selbstkritischen Infragestellung, wenn Czollek als ostdeutscher und j\u00fcdischer Intellektueller dies fordert. Czollek grenzt sich mit solchen Thesen nicht etwa zu muslimischen Kreisen ab. Vielmehr bietet er auch ihnen eine Form von Empowerment an: Seht her, unser aller Individualit\u00e4t und Diversit\u00e4t kann dabei mitwirken, die Gesellschaft zu gestalten. Also: Ja, wir sollten uns solche Debatten gefallen lassen, auch wenn darin Positionen vertreten werden, die nicht alle teilen und die weh tun k\u00f6nnen. Auch das ist Teil einer Integration auf Augenh\u00f6he.<\/p>\n<p>Entsprechend die Frage: Sollten wir uns nicht st\u00e4rker um unsere gegenseitige Integration k\u00fcmmern? Sollten wir nicht unterschiedliche Perspektiven, Haltungen, Kulturen erlernen wollen, die eigene Position auch mal verlernen? Gerade im Verlernen sehen Fachleute einen Schl\u00fcssel f\u00fcr einen postkolonialen Ansatz, um unser Verh\u00e4ltnis zum sogenannten globalen S\u00fcden neu zu justieren. Erlernte Vorurteile, Wertigkeiten und Klassifikationen von anderen treten dadurch etwas in den Hintergrund. Legt man seinen ideellen Rucksack mal beiseite, kann man sich schneller und eleganter aufeinander zubewegen. Vielleicht sollten wir auch innerhalb Deutschlands uns fragen, ob denn nicht wir von anderen besser integriert werden k\u00f6nnten, ob wir nicht eigentlich integrative Unterst\u00fctzung brauchen?<\/p>\n<p>Darauf verweist auch Naika Faroutan, wenn sie mit Blick auf die Ersetzung des Begriffs Integration durch Inklusion schreibt: \u201eEs ist leichter, das Wort Integration von der Kopplung an den Begriff der Migration zu l\u00f6sen und mit seinem urspr\u00fcnglichen, gesamtgesellschaftlichen Sinn und Ziel zu besetzen, als ein g\u00e4nzlich neues Wort mit diesen Bedeutungsinhalten zu f\u00fcllen.\u201c Zu diesen neuen Bedeutungsinhalten z\u00e4hlt sie dann unter anderem \u201eeine gleichberechtigte \u00f6konomische, rechtliche und politische Partizipation aller B\u00fcrger an den zentralen G\u00fctern der Gesellschaft zum Zwecke der Herstellung von Chancengleichheit und des Abbaus von Diskriminierung und Ungleichheit.\u201c<a href=\"#_ftn3\" name=\"_ftnref3\">[3]<\/a> Das w\u00e4ren also Ziele, f\u00fcr die wir k\u00e4mpfen sollten, und dabei nicht vergessen sollten, die intersektionale Diskriminierungen \u00fcber Gender, Class und Race innerhalb der deutschen und europ\u00e4ischen Gesellschaft zu diskutieren.<\/p>\n<p>Und hier kann gerade der Kulturbereich aus meiner Sicht einen konstruktiven Beitrag zur Integration leisten. Ich schlage hier ausdr\u00fccklich nicht eine omin\u00f6se deutsche Leitkultur vor. Ich denke vielmehr an die Entwicklung von Verst\u00e4ndnis, Empathie, gegenseitiges Lernen und Wertsch\u00e4tzung. (Und damit komme ich also endlich zur Kultur!)<\/p>\n<p>Die Biennale von Venedig, die wohl wichtigste internationale Kunstausstellung weltweit, stand dieses Jahr unter dem Titel \u201eStranieri Ovunque \u2013 Foreigners Everywhere\u201c, Fremde \u00fcberall. (Der Ausstellungstitel ist dem Werktitel einer Arbeit der K\u00fcnstlergruppe Claire Fontaine entlehnt.) Gro\u00dfe Teile der unterschiedlichen Ausstellungen und Pavillons auf der Biennale waren von queeren, indigenen und postkolonialen Positionen gepr\u00e4gt. In der Kunstszene ist das keine ganz neue Entwicklung. Aber gerade hier fiel das Thema doch noch mal auf. Schlie\u00dflich ist die Biennale mit ihren unterschiedlichen nationalen Pavillons urspr\u00fcnglich eine der wichtigsten Ausstellungen nationaler Kunstpr\u00e4sentation und traditionell doch eher konservativ. Queer bedeutet urspr\u00fcnglich: fremd; und das, was ehemals als fremd und nicht der Norm entsprechend von der Mehrheitsgesellschaft wahrgenommen wurde, ist hier fast zum neuen Normalen geworden, nicht mehr die Ausnahme. Beim Rundgang durch die Biennale habe ich mich selbst beim Gedanken ertappt, dass ich (als nicht-queerer cis-Mann) an der einen oder anderen Stelle gerne auch st\u00e4rker integriert worden w\u00e4re, mich gerne st\u00e4rker mitgenommen gef\u00fchlt h\u00e4tte. Auch wenn das jetzt vielleicht ein wenig anbiedernd klingt, aber auch ich f\u00fchlte mich fremd, queer. Eine solche Fremdheitserfahrung ist ein wichtiges Element, die in guten Ausstellungen durchaus gelingen kann. Sie regt zum Weiterdenken und zu Empathie an. Wenn Kunst uns Fremdheit erfahren l\u00e4sst, dann kann sie dadurch integrierend wirken \u2013 denn die Fremdheitserfahrung hilft, mehr Empathie f\u00fcr andere Erfahrungshintergr\u00fcnde zu entwickeln und sich selbst im eigenen Denken und Empfinden zu hinterfragen.<\/p>\n<p>Auch im deutschen Pavillon auf der Biennale wurde integriert, aber aus einer postmigrantischen Perspektive heraus: Die in Berlin und Baden-Baden lebende Kuratorin \u00c7agla Ilk hatte zwei Berliner K\u00fcnstler:innen zu der Ausstellung im Hauptpavillon eingeladen: Yael Bartana und Ersan Mondtag. Bartana ist J\u00fcdin und in Israel geboren, Mondtag stammt als Kind eines t\u00fcrkischen Gastarbeiters aus Berlin.<\/p>\n<p>Schon 1993 hatte Klaus Bu\u00dfmann die Frage der nationalen Repr\u00e4sentanz zum Gegenstand des deutschen Beitrags auf der Biennale gemacht, als er auf der ersten Biennale nach der deutschen Wiedervereinigung nicht, wie von ihm erwartet, einen ost- und einen westdeutschen K\u00fcnstler ausstellte, sondern den in New York lebenden deutschen K\u00fcnstler Hans Haacke auf der einen Seite und den in New York und in K\u00f6ln lebenden Koreaner Nam June Paik auf der anderen Seite. Ost und West wurden also global gedacht durch einen Deutschen in den USA und einem Koreaner in Deutschland. Haacke hatte sich kritisch mit dem faschistischen Erbe des Pavillons und mit der deutschen Wiedervereinigung auseinandergesetzt, Paik, der sich als geistiger Gastarbeiter verstand, sich der globalen Medienkultur zugewandt.<\/p>\n<p>Mit dieser Einladung an die israelkritische \u2013 und queere \u2013 Bartana und an Mondtag, der seine eigene Familiengeschichte zum Thema macht, setzte \u00c7agla Ilk ein klares Zeichen einer Integration, die mit der Dominanzgesellschaft eher kritisch ins Gericht geht. So repr\u00e4sentierten sehr selbstbewusst zwei ganz unterschiedliche K\u00fcnstler:innen Deutschland auf dieser international wichtigen Ausstellung.<\/p>\n<p>Unabh\u00e4ngig von der eigentlichen k\u00fcnstlerischen Arbeit finde ich dieses Zeichen durchaus richtig und ermutigend. Eine solche Form der selbstverst\u00e4ndlichen Repr\u00e4sentation Deutschlands durch Vertreter:innen seiner kritischen, vielf\u00e4ltigen und diversen Kunstszene ist aus meiner Sicht ein angemessener Ausdruck einer offenen und emanzipierten Gesellschaft, in der unterschiedliche Stimmen selbst zu Wort kommen. Da kommt die Geste des Bundespr\u00e4sidenten ein wenig unbeholfen daher, wenn beim Besuch in der T\u00fcrkei die plurale deutsche Gesellschaft und der Beitrag der t\u00fcrkischen Einwanderung auf einen kulinarischen Beitrag, so gut er auch sei, reduziert wird.<\/p>\n<p>Auch in der deutschen Medienlandschaft gab es so gut wie keine kritischen Stimmen gegen\u00fcber der Auswahl auf der Biennale. Insofern erkenne ich hier einen deutlichen Kontrast im Kulturbereich gegen\u00fcber den von mir anfangs genannten engstirnigen und xenophoben Debatten im politischen Feld. Leider folgt daraus eine Sache nicht: n\u00e4mlich dass es im Kulturbereich und in der Kulturberichterstattung nicht auch Diskriminierungen und Rassismen g\u00e4be. Erinnern Sie sich an die drei Oscarnominierungen von Filmen aus Deutschland in diesem Jahr? Presseberichte nannten dabei meist nur zwei Personen namentlich. Im Gegensatz zu Wim Winders und Sandra H\u00fcller blieb der ebenso oscarnominierte Regisseur \u0130lker \u00c7atak oft hinter dem Titel seines Films <em>Das Lehrerzimmer <\/em>versteckt. \u00c7atak bewertete dieses Verstecken als Rassismus, v\u00f6llig zu Recht. Aber, so mein Eindruck oder vielleicht die Hoffnung: die Debatten im Bereich der Kunst und Kultur wirken offener und vielleicht auch weiter als in anderen Teilen der \u00f6ffentlichen Diskurse. Zumindest w\u00fcnsche ich es mir, dass Kunst und Museen einen konstruktiven Beitrag zur Inklusion und Integration unterschiedlicher Menschen und damit ihren Beitrag zur offenen Gesellschaft leisten, die im Augenblick in so arger Bedr\u00e4ngnis ist.<\/p>\n<p>Ich stehe nun vor Ihnen als Vertreter der Staatlichen Kunsthalle Karlsruhe. Auch wir sind darum bem\u00fcht, in einem zugegebenerma\u00dfen langsamen Prozess exklusive Muster abzulegen und die Besucher:innenansprache zu \u00f6ffnen. Bei Museen sehe ich besonders gro\u00dfes Potential f\u00fcr Integrationsarbeit. Denn sie genie\u00dfen zum einen gro\u00dfes Vertrauen in der Gesellschaft \u2013 das hat eine Umfrage des Instituts f\u00fcr Museumsforschung erst j\u00fcngst ergeben. Und zum anderen k\u00f6nnen sie, wie nur wenige andere Orte, integrierend arbeiten, Menschen \u00fcber ihre jeweiligen sozialen Bubbles und kulturellen Hintergr\u00fcnde hinaus zusammenbringen. Erste Kooperationen haben wir bereits begonnen und freuen uns \u00fcber weitere Gelegenheiten, unsere Rolle als gesellschaftlicher Akteur und Vermittler erf\u00fcllen zu k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Angebote zu interkulturellen und auch interreligi\u00f6sen Begegnungen sind fester Bestandteil des Integrationsplans der Stadt Karlsruhe von 2018. Eine Vielzahl von Institutionen, soziokulturellen Zentren und Vereinen, von denen viele hier heute auch versammelt sind, zeugen von dem gro\u00dfen Engagement auf diesem Gebiet. Mein Eindruck ist, dass hier in Karlsruhe sehr viel passiert und es sehr viele Initiativen gibt, die sich konstruktiv um ein gutes Miteinander und eine gute Integration unterschiedlicher Gruppen bem\u00fchen. Daf\u00fcr bin ich sehr dankbar. Die heute auszuzeichnenden Personen und Firmen tragen ebenfalls in ihren Bereichen dazu bei, dass das Miteinander funktioniert, und davor habe ich gro\u00dfe Achtung! Trotz der vielen Initiativen hier in Karlsruhe, werden wir vermutlich alle \u00fcbereinstimmen, dass wir noch lange nicht dort sind, wo wir eigentlich sein wollten und sollten. Auch hier ist noch viel zu tun. Wagen wir also mehr Miteinander, mehr \u00d6ffnung, mehr echte Gleichberechtigung!<\/p>\n<p>Aber auch die \u00d6ffnung muss Grenzen haben. Wir d\u00fcrfen das Terrain unserer liberalen Demokratie, nicht den falschen Freunden \u00fcberlassen.<\/p>\n<p>Meine Damen und Herren, ich komme zum Schlu\u00df: Wir feiern dieses Jahr 75 Jahre Grundgesetz. Dies ist nicht nur ein Grund zum Feiern, sondern auch ein Grund, sich \u00fcber das Wesen von Integration und Chancengleichheit, Teilhabe, Toleranz und Demokratie selbstkritisch Fragen zu stellen, was wir daf\u00fcr tun k\u00f6nnen. Ich erinnere nochmal an die hohen Zuspruchswerte f\u00fcr Rechtsradikale und die dazugeh\u00f6rigen Diskursverschiebungen. Ich erinnere auch an undemokratische und intolerante Haltungen von einigen Neub\u00fcrgern in Deutschland. Ich mache mir gro\u00dfe Sorgen, dass die offene Gesellschaft in Gefahr ist. Verst\u00e4rkte Integrationsbem\u00fchungen, ja, absolut! Seien wir tolerant! Umgekehrt darf es aber auch keine falsche Toleranz gegen\u00fcber den Feinden der offenen Gesellschaft geben, egal wo diese Feinde herkommen.<\/p>\n<p>Karl Popper hatte die \u201eoffene Gesellschaft\u201c nach den Erfahrungen der kommunistischen und faschistischen Diktaturen unmittelbar nach dem Zweiten Weltkrieg in zwei B\u00e4nden analysiert, und er warnte sehr deutlich vor dem Paradox der Toleranz: \u201eWir sollten [\u2026] im Namen der Toleranz das Recht f\u00fcr uns in Anspruch nehmen, die Unduldsamen nicht zu dulden\u201c, schrieb er 1945 in Reaktion auf die totalit\u00e4ren Regime. \u201eWir sollten geltend machen, dass sich jede Bewegung, die Intoleranz predigt, au\u00dferhalb des Gesetzes stellt, und wir sollten eine Aufforderung zur Intoleranz und Verfolgung als ebenso verbrecherisch behandeln wie eine Aufforderung zum Mord, zum Raub oder zur Wiedereinf\u00fchrung des Sklavenhandels.\u201c<a href=\"#_ftn4\" name=\"_ftnref4\">[4]<\/a> Den \u201eeinzig m\u00f6gliche[n] Glaube[n] der offenen Gesellschaft\u201c sieht Popper im \u201ehumanit\u00e4ren Glauben [\u2026] an die Vernunft, an die Freiheit und an die Br\u00fcderlichkeit [wir w\u00fcrden heute sagen: Geschwisterlichkeit] aller Menschen\u201c.<\/p>\n<p>Arbeiten wir also gemeinsam und ohne R\u00fccksicht auf falsche Toleranz an der Vision der offenen Gesellschaft \u2013 einer Gesellschaft, die sich selbst best\u00e4ndig erneuert. Unser Grundgesetz ist der kleinste gemeinsame Nenner des Zusammenlebens und vielleicht der st\u00e4rkste und beste, f\u00fcr den wir gemeinsam einstehen sollten. V\u00f6llig unabh\u00e4ngig davon, wo wir herkommen, vereint in einem wehrhaften Verfassungspatriotismus!<\/p>\n<p>Mein Dank und Anerkennung an Sie, Elis\u00e9 Wamen, Joachim Kathari und Vertreter(:innen) der Firma Fuller Sanit\u00e4r, dass Sie sich hier so stark einbringen \u2013 und ich will hoffen, dass sich viele weitere ebenso daf\u00fcr einsetzen wollen.<\/p>\n<p>Herzlichen Dank!<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref1\" name=\"_ftn1\">[1]<\/a> Hier nach <a href=\"https:\/\/www.swr.de\/swrkultur\/wissen\/der-philosoph-karl-popper-und-die-offene-gesellschaft-100.html\">https:\/\/www.swr.de\/swrkultur\/wissen\/der-philosoph-karl-popper-und-die-offene-gesellschaft-100.html<\/a><\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref2\" name=\"_ftn2\">[2]<\/a> <a href=\"https:\/\/www.bpb.de\/themen\/migration-integration\/kurzdossiers\/205190\/die-postmigrantische-gesellschaft\/\">https:\/\/www.bpb.de\/themen\/migration-integration\/kurzdossiers\/205190\/die-postmigrantische-gesellschaft\/<\/a><\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref3\" name=\"_ftn3\">[3]<\/a> <a href=\"https:\/\/www.bpb.de\/themen\/migration-integration\/kurzdossiers\/205196\/brauchen-wir-den-integrationsbegriff-noch\/\">https:\/\/www.bpb.de\/themen\/migration-integration\/kurzdossiers\/205196\/brauchen-wir-den-integrationsbegriff-noch\/<\/a><\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref4\" name=\"_ftn4\">[4]<\/a> <em>Karl Popper, Die offene Gesellschaft und ihre Feinde, T\u00fcbingen, 2 B\u00e4nde, hier nach<\/em> <a href=\"https:\/\/www.uibk.ac.at\/theol\/leseraum\/texte\/1147.html\">https:\/\/www.uibk.ac.at\/theol\/leseraum\/texte\/1147.html<\/a>.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>24.10.2024, Rathaus Karlsruhe Meine sehr verehrten Damen und Herren, sehr geehrter Herr B\u00fcrgermeister, verehrte Gemeinderatsmitglieder, und vor allem liebe Preistr\u00e4ger:innen: Elis\u00e9 Wamen, Joachim Kathari und Vertreter(:innen) der Firma Fuller Sanit\u00e4r! Haben Sie vielen Dank f\u00fcr die Einladung. Es ist mir eine Freude und Ehre, heute Abend hier anl\u00e4sslich der Verleihung des Integrationspreises der Stadt Karlsruhe an Sie sprechen zu d\u00fcrfen! Ich darf Ihnen sehr herzlich, liebe Preistr\u00e4ger:innen, f\u00fcr die Auszeichnung gratulieren. Das ist ein wichtiges und richtiges Zeichen der Anerkennung. Integration ist Grundlage unseres Zusammenlebens, und Sie tragen dazu bei! Vielen Dank daf\u00fcr! Bitte nehmen Sie es<\/p>\n<p><a class=\"more-link\" href=\"https:\/\/frederic.bussmanns.eu\/blog\/1264-2\/\">Weiterlesen<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[2],"tags":[543,545],"class_list":["post-1264","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-vortrag","tag-integration","tag-migration"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/frederic.bussmanns.eu\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1264","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/frederic.bussmanns.eu\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/frederic.bussmanns.eu\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/frederic.bussmanns.eu\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/frederic.bussmanns.eu\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=1264"}],"version-history":[{"count":2,"href":"https:\/\/frederic.bussmanns.eu\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1264\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":1267,"href":"https:\/\/frederic.bussmanns.eu\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1264\/revisions\/1267"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/frederic.bussmanns.eu\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=1264"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/frederic.bussmanns.eu\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=1264"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/frederic.bussmanns.eu\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=1264"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}