{"id":1326,"date":"2025-09-17T23:41:00","date_gmt":"2025-09-17T21:41:00","guid":{"rendered":"https:\/\/frederic.bussmanns.eu\/blog\/?p=1326"},"modified":"2026-09-18T00:12:46","modified_gmt":"2026-09-17T22:12:46","slug":"neue-nachbarschaften-das-museum-des-21-jahrhunderts-als-ort-von-kunst-und-gemeinwohl","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/frederic.bussmanns.eu\/blog\/neue-nachbarschaften-das-museum-des-21-jahrhunderts-als-ort-von-kunst-und-gemeinwohl\/","title":{"rendered":"Neue Nachbarschaften: Das Museum des 21. Jahrhunderts als Ort von Kunst und Gemeinwohl"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Gastbeitrag in den BNN [Badische Neueste Nachrichten], ver\u00f6ffentlicht dort unter dem Titel &#8222;Kunsthalle Karlsruhe im Wandel: Warum Museen heute mehr als Schatzkammern sein m\u00fcssen&#8220;, 6.9.2025, <a href=\"https:\/\/bnn.de\/karlsruhe\/karlsruhe-stadt\/kunsthalle-karlsruhe-im-wandel-warum-museen-heute-mehr-als-schatzkammern-sein-muessen\">https:\/\/bnn.de\/karlsruhe\/karlsruhe-stadt\/kunsthalle-karlsruhe-im-wandel-warum-museen-heute-mehr-als-schatzkammern-sein-muessen<\/a><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Es ist ein gro\u00dfes Gl\u00fcck, dass das denkmalgesch\u00fctzte Hauptgeb\u00e4ude der Kunsthalle durch Landesmittel saniert werden kann. Denn der Bau von 1846, das als \u201abadische Nationalgalerie\u2018 geplante Schmuckst\u00fcck an der Hans-Thoma-Stra\u00dfe, z\u00e4hlt zu den fr\u00fchesten Museumsgeb\u00e4uden in Deutschland, deren wandfeste originale Dekoration so gut erhalten ist. Die Sanierung erh\u00e4lt dieses Geb\u00e4ude f\u00fcr die Zukunft. Eine so grundlegende Sanierung bietet eine Chance zum Neuanfang. Wenn das Hauptgeb\u00e4ude 2030 wiederer\u00f6ffnet, wird die Besuchenden in der Kunsthalle neben ihrer Sammlung auch ein neues Museumsverst\u00e4ndnis erwarten.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Unter dem Stichwort der Neuen Nachbarschaften wollen wir das Museum f\u00fcr die Gesellschaft \u00f6ffnen. Dabei spielt auch die geplante Erweiterung im Amtsgerichtsgeb\u00e4ude eine Rolle. Sie ist notwendig, weil Bibliothek, Kupferstichkabinett und Sammlung der Moderne und Gegenwart sonst heimatlos w\u00fcrden. Der Bau tr\u00e4gt dazu bei, das Profil Karlsruhes als Kulturstadt zu sch\u00e4rfen: Denn gemeinsam mit dem Hauptgeb\u00e4ude, der Orangerie und der Jungen Kunsthalle wird die Erweiterung in guter Nachbarschaft zum Badischen Kunstverein, zum Landesmuseum und zur Kunstakademie stehen und zusammen einen Kunstcampus bilden, der weit \u00fcber die Stadt hinaus strahlt.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Museen waren lange Zeit Orte k\u00fcnstlerischer Sch\u00e4tze, oft der Distanz. Sie sammelten, ordneten, stellten aus \u2013 und blieben bisweilen entr\u00fcckt. Die Kunsthalle mit ihrer international renommierten Sammlung steht beispielhaft f\u00fcr diesen Anspruch, der auf Volksbildung zielte, aber exklusiv blieb. Heute verlangt das Publikum mehr. Museen sollen nicht nur Schatzkammern f\u00fcr Wenige, sondern offene Foren f\u00fcr Viele sein, in denen neben Kunst auch Empathie, Gemeinwohl und Mehrstimmigkeit Raum finden. Paul Val\u00e9ry klagte 1923: \u201eMan wird von geistiger \u00dcbelkeit erfasst \u2013 es ist zu viel, zu gro\u00df, zu widerspr\u00fcchlich\u201c. Doch gerade darin liegt heute eine Chance: Museen k\u00f6nnen Orte sein, an denen Ambivalenz produktiv wird, Vielfalt und Komplexit\u00e4t als Chance wahrgenommen werden.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Das Humboldt Forum in Berlin zeigt, wie explosiv dieser Wandel sein kann: als Prestigeprojekt geplant, wurde es zum Brennglas postkolonialer Kritik. In Hongkong \u00f6ffnete das M+ als Forum, in dem eine globale \u00d6ffentlichkeit sich befragt. Museen wie das Palais de Tokyo in Paris sind Resonanzr\u00e4ume, in denen Gesellschaften \u00fcber Vergangenheit und Zukunft verhandeln. Architektur bleibt dabei ein Politikum. Der Louvre Abu Dhabi inszeniert sich als globales Wahrzeichen \u2013 spektakul\u00e4r, aber abh\u00e4ngig von Markenpolitik. In Arles entstand mit der LUMA-Stiftung ein \u00f6kologisch ambitioniertes Kunstzentrum.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Auch die Kunsthalle Karlsruhe muss sich mit Fragen zum Amtsgericht stellen: Braucht sie das gro\u00dfe architektonische Signal, oder eher den nachhaltigen, demokratisch gedachten Bau? Zwischen ikonischem Auftritt und Klimaneutralit\u00e4t, zwischen Exklusivit\u00e4t und Inklusion verl\u00e4uft das Spannungsfeld, das in den kommenden Jahren diskutiert wird.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Parallel zwingt die digitale Transformation Museen, ihr Verh\u00e4ltnis zur \u00d6ffentlichkeit neu zu definieren. Andr\u00e9 Malraux ahnte es 1947 in seinem <em>Mus\u00e9e imaginaire<\/em>: \u201eDas Museum ohne Mauern ist nicht l\u00e4nger eine Utopie\u201c. Heute ist es Wirklichkeit: Virtuelle Sammlungen, KI-gest\u00fctzte Vermittlung und hybride Ausstellungen \u00f6ffnen T\u00fcren. Doch bleibt die Frage: Kann Kontemplation digital entstehen? Das Museum ist ein sozialer Ort, in dem Gemeinschaft erlebt werden kann \u2013 das Digitale ist nur Erg\u00e4nzung, kein Ersatz.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u00d6konomisch stehen Museen zwischen staatlicher F\u00f6rderung, Sponsoren und Eventlogik. Massenhaft verkaufte Tickets sind willkommen, doch was bleibt vom Gemeinwohl, wenn Museen Spektakelbetriebe werden? Und was von der Klimaverantwortung, wenn Werke im Leihverkehr zirkulieren und Publikum Emissionen erzeugt? Nachhaltigkeit ist l\u00e4ngst \u00dcberlebensfrage, auch in der Kultur.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Doch jenseits von Architektur und \u00d6konomie geht es um die Seele des Museums. Museen sind Speicher kollektiver Erinnerung \u2013 und bestimmen, wer Teil dieser Erinnerung ist. Sie pr\u00e4gen Identit\u00e4t, k\u00f6nnen ausgrenzen oder einbeziehen. Gerade in Zeiten der Polarisierung haben sie eine demokratische Aufgabe: Sie m\u00fcssen R\u00e4ume sein, in denen unterschiedliche Stimmen Geh\u00f6r finden. In der Begegnung mit Kunst entstehen Erfahrungsr\u00e4ume f\u00fcr Widerspruch \u2013 sie \u00f6ffnen Empathie und Lust am gemeinsamen Erleben, dienen der \u201eErziehung des Herzens\u201c, wie Gustave Flaubert sagte, und machen Sch\u00f6nheit erfahrbar. Orhan Pamuk brachte es auf den Punkt: \u201eMuseen sind Orte, an denen wir uns selbst betrachten k\u00f6nnen.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Zukunft der Kunsthalle Karlsruhe entscheidet sich daran, ob sie diesen Anspruch erf\u00fcllen kann: nicht Tempel, nicht Markt, sondern dritter Ort und guter Nachbar zu sein. Ein Raum, der Kunst erlebbar, Teilhabe erm\u00f6glicht, Barrieren abbaut, Gemeinwohl stiftet, in dem alle willkommen sind \u2013 so, wie es auch im Kulturfestival <em>Room to Grow<\/em> im Programm der Neuen Nachbarschaften angelegt ist, ab dem 6. September in der Rotunde der Orangerie. Das Museum des 21. Jahrhunderts ist eine demokratische Agora zum Genie\u00dfen, Erleben und Streiten \u2013 und genau darin liegt seine Kraft als Ort des Gemeinwohls.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Gastbeitrag in den BNN [Badische Neueste Nachrichten], ver\u00f6ffentlicht dort unter dem Titel &#8222;Kunsthalle Karlsruhe im Wandel: Warum Museen heute mehr als Schatzkammern sein m\u00fcssen&#8220;, 6.9.2025, https:\/\/bnn.de\/karlsruhe\/karlsruhe-stadt\/kunsthalle-karlsruhe-im-wandel-warum-museen-heute-mehr-als-schatzkammern-sein-muessen Es ist ein gro\u00dfes Gl\u00fcck, dass das denkmalgesch\u00fctzte Hauptgeb\u00e4ude der Kunsthalle durch Landesmittel saniert werden kann. Denn der Bau von 1846, das als \u201abadische Nationalgalerie\u2018 geplante Schmuckst\u00fcck an der Hans-Thoma-Stra\u00dfe, z\u00e4hlt zu den fr\u00fchesten Museumsgeb\u00e4uden in Deutschland, deren wandfeste originale Dekoration so gut erhalten ist. Die Sanierung erh\u00e4lt dieses Geb\u00e4ude f\u00fcr die Zukunft. Eine so grundlegende Sanierung bietet eine Chance zum Neuanfang. Wenn das Hauptgeb\u00e4ude 2030 wiederer\u00f6ffnet, wird die Besuchenden in<\/p>\n<p><a class=\"more-link\" href=\"https:\/\/frederic.bussmanns.eu\/blog\/neue-nachbarschaften-das-museum-des-21-jahrhunderts-als-ort-von-kunst-und-gemeinwohl\/\">Weiterlesen<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":1334,"comment_status":"closed","ping_status":"","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[477,554],"tags":[],"class_list":["post-1326","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-beitrag","category-zeitungsartikel"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/frederic.bussmanns.eu\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1326","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/frederic.bussmanns.eu\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/frederic.bussmanns.eu\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/frederic.bussmanns.eu\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/frederic.bussmanns.eu\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=1326"}],"version-history":[{"count":2,"href":"https:\/\/frederic.bussmanns.eu\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1326\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":1329,"href":"https:\/\/frederic.bussmanns.eu\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1326\/revisions\/1329"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/frederic.bussmanns.eu\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media\/1334"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/frederic.bussmanns.eu\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=1326"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/frederic.bussmanns.eu\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=1326"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/frederic.bussmanns.eu\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=1326"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}