{"id":459,"date":"2017-03-25T20:32:32","date_gmt":"2017-03-25T19:32:32","guid":{"rendered":"http:\/\/frederic.bussmanns.eu\/blog\/?p=459"},"modified":"2017-04-28T22:00:32","modified_gmt":"2017-04-28T20:00:32","slug":"bastian-muhr-schwarzbunt-saaltext-fuer-die-ausstellung-in-der-galerie-jochen-hempel-22-4-2017","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/frederic.bussmanns.eu\/blog\/bastian-muhr-schwarzbunt-saaltext-fuer-die-ausstellung-in-der-galerie-jochen-hempel-22-4-2017\/","title":{"rendered":"Bastian Muhr. Schwarzbunt, Galerie Jochen Hempel, 22.4.-10.6.2017"},"content":{"rendered":"<p class=\"western\"><b>Bastian Muhr, Schwarzbunt<\/b><\/p>\n<p class=\"western\"><span style=\"color: #000000;\">W\u00e4hrend seines Arbeitsaufenthaltes am ISCP in New York 2015 fing Bastian Muhr an, Dinge, die er tags\u00fcber in der Stadt wahrgenommen hatte, auf ihre Grundformen zu reduzieren und in Umrissen auf Papier zu zeichnen.<\/span> Ohne narrative Haltung versammelte er geometrische oder organische Formen, die er in immer neuen Variationen mit Graphit auf das wei\u00dfe Papier <span style=\"color: #000000;\">\u00fcbertrug, jeden Tag mindestens ein, fast einem Tagebuch gleich. Erinnerungen an die konzeptionellen Zeichenserien Hanne Darbovens werden wach, freilich ohne die Strenge ihres zeitlich-mathematischen Ansatzes.<\/span> In der Art von Piktogrammen entstand so ein Alphabet von Minimalformen als Versuch, seine Wahrnehmung in ein serielles System reduzierter Zeichen zu \u00fcbersetzen.<\/p>\n<p class=\"western\">Nach seiner R\u00fcckkehr <span style=\"color: #000000;\">nach Leipzig <\/span>f\u00fchrte Bastian Muhr diese Zeichnungen von Minimalsymbolen weiter, bis heute. Manches blieb erhalten, da es seinem Anspruch auf eine in sich funktionierendes Verh\u00e4ltnis von Linie und Fl\u00e4che, von Form und Inhalt gen\u00fcgt. Manches wurde auch wieder verworfen, wenn sich die Zeichnung zu nah an der Realit\u00e4t bewegten und illustrativ wurden oder wenn sie so weit abstrahiert waren, dass sie f\u00fcr ihn keine Bedeutung mehr aufwiesen. Diese verworfenen Bl\u00e4tter, seines Erachtens Zeugnis des Imperfekten, dienten als Grundlage einer neuen Werkgruppe von Zeichnungen auf Papier, die nun in der Galerie Jochen Hempel zu sehen ist. Auf den zuvor verworfenen Bl\u00e4ttern schraffiert Bastian Muhr minuti\u00f6s die leer gebliebenen Freir\u00e4ume zwischen den Linien mit seinem Graphitstift der H\u00e4rte 6B, ebenfalls jeden Tag mindestens ein Blatt. Mit Akribie und Systematik lotet er so das Verh\u00e4ltnis von Linie und Fl\u00e4che, von wei\u00dfem Papier und den Nuancen des Grau weiter aus. Die Norm des immer gleichen Papierformats A4 ergibt die Konstante dieser Bl\u00e4tter mit gro\u00dfen Formvariationen, die durch die regelm\u00e4\u00dfigen, mit der Hand erstellten Schraffuren eine gro\u00dfe Lebendigkeit erhalten. Diese Reihe lebt von der Wiederholung, von der immer wiederkehrenden Geste des Striches, der sich zu Fl\u00e4chen verdichtet und die Grundform der zuvor verworfenen Linie kamoufliert.<\/p>\n<p class=\"western\">Der imperfekte Strich, der die Gerade sucht, aber nie vollst\u00e4ndig erreicht, fordert Norm und System heraus. Der K\u00fcnstler reflektiert seine Umwelt, die auf Normierungen und Standardisierung aufbaut, und entwickelt einen neuen Kodex, nur um diese Systematisierung sofort wieder zu unterlaufen. Im Spannungsverh\u00e4ltnis von Norm und Abweichung sind Bastian Muhrs Zeichenkomplexe Chim\u00e4ren der Systemtheorie. Sie ahmen die Perfektion des informationstechnologischen Weltzugangs nach, der uns mit der Etablierung des Internets als ma\u00dfgebliches Kommunikationsmedium mehr als alles andere pr\u00e4gt. Die Sch\u00f6nheit des Algorithmus, die Muhrs eigenes Empfinden und Denken mit den ersten Computerspielen in den 1980er Jahre beeinflusst hat, fordert er mit der \u00c4sthetik des freih\u00e4ndig gezeichneten und damit nicht perfekten Strichs heraus. Eine fast trotzige, nostalgische Geste, die sich aber nicht impulsiven Zuckungen oder einer <i>\u00e9criture automatique <\/i>hingibt, sondern aus der eigenen Genese des Scheiterns heraus intuitiv, aber kontrolliert neue Wege und eigene Welten auf DINA4 er\u00f6ffnen will. <span style=\"color: #000000;\">Bastian Muhr stellt sich dabei der in Leipzig gelehrten Tradition des handwerklichen K\u00f6nnens. Er <\/span>setzt mit dem Festhalten an der h\u00e4ndisch-k\u00fcnstlerischen Arbeit einen deutlichen Kontrapunkt zu medienreflexiven Ans\u00e4tzen in der Malerei etwa von Wade Guyton, der jede individuelle Handschrift durch die Auswahl der Motive aus dem Internet oder aus Schreibprogrammen <span style=\"color: #000000;\">und ihre \u00dcbertragung auf die Leinwand durch Tintenstrahldrucker verneint. <\/span><\/p>\n<p class=\"western\">Bastian Muhrs Ansatz der kontrollierten Intuition und des gebrochenen Standards finden sich in farbigen Variationen auch in seiner Malerei wieder, die ihre gedankliche Ausgangslage ebenfalls in den in New York begonnenen Zeichnungen mit reduzierter Formensprache finden. Die gro\u00dfformatige Malerei ist zeichnerisch gef\u00fchrt, die Oberfl\u00e4che vom Duktus des Pinsels gepr\u00e4gt, Form- und Farbgebung abstrahierend gehalten, ohne sich der reinen Gegenstandslosigkeit und konkreten Kunst zu \u00f6ffnen. Als farbige Piktogramme seiner Weltwahrnehmung bewegt sich seine Malerei im Spannungsfeld von Symbol und Abstraktion. Keine zu detaillierten Fa<span style=\"color: #000000;\">rbnuancen, um sich durch die Vermeidung von Lokalkolorit der Erzeugung von Raum und Illusion zu verweigern. Er erzeugt durch Farbgebung und Formn\u00e4he aber Assoziations<\/span>ketten, die Begriffe von Landschaft, Menschen und Dingen evozieren, die aber beim n\u00e4chsten Blick jedoch wieder verworfen werden. Beim Oszilllieren zwischen Sehen und Erkenntnis ist auch hier das Scheitern eingeplant \u2013 oder wie die Sterne 2002 sangen: \u201eWahr ist, was wahr ist \/\/ dass das, was war, nicht mehr da ist.\u201c<\/p>\n<p class=\"western\">Weitere Informationen unter <a href=\"http:\/\/jochenhempel.com\/bastian-muhr\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">http:\/\/jochenhempel.com\/bastian-muhr\/<\/a>.<\/p>\n<p class=\"western\"><div class=\"wp-block-pdfemb-pdf-embedder-viewer\"><a href=\"https:\/\/frederic.bussmanns.eu\/blog\/wp-content\/uploads\/2017\/03\/bu\u00dfmann-DE-final.pdf\" class=\"pdfemb-viewer\" style=\"\" data-width=\"max\" data-height=\"max\" data-toolbar=\"bottom\" data-toolbar-fixed=\"off\">bu\u00dfmann-DE-final<\/a><\/div><\/p>\n<p class=\"western\"><div class=\"wp-block-pdfemb-pdf-embedder-viewer\"><a href=\"https:\/\/frederic.bussmanns.eu\/blog\/wp-content\/uploads\/2017\/03\/bu\u00dfmann-EN-final.pdf\" class=\"pdfemb-viewer\" style=\"\" data-width=\"max\" data-height=\"max\" data-toolbar=\"bottom\" data-toolbar-fixed=\"off\">bu\u00dfmann-EN-final<\/a><\/div><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Bastian Muhr, Schwarzbunt W\u00e4hrend seines Arbeitsaufenthaltes am ISCP in New York 2015 fing Bastian Muhr an, Dinge, die er tags\u00fcber in der Stadt wahrgenommen hatte, auf ihre Grundformen zu reduzieren und in Umrissen auf Papier zu zeichnen. 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