{"id":537,"date":"2016-04-01T12:41:26","date_gmt":"2016-04-01T10:41:26","guid":{"rendered":"http:\/\/frederic.bussmanns.eu\/blog\/?p=537"},"modified":"2017-08-20T20:22:07","modified_gmt":"2017-08-20T18:22:07","slug":"manaf-halbouni-nowhere-is-home","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/frederic.bussmanns.eu\/blog\/manaf-halbouni-nowhere-is-home\/","title":{"rendered":"Manaf Halbouni. Nowhere is Home, Museum der bildenden K\u00fcnste Leipzig, 4.4.-26.6.2016"},"content":{"rendered":"<p>Vom 4. April bis 26. Juni 2016 gew\u00e4hrt das Museum der bildenden K\u00fcnste Leipzig zwei \u201aFluchtautos\u2018 des in Dresden lebenden K\u00fcnstlers Manaf Halbouni Aufnahme. Halbouni entwickelte die Idee der k\u00fcnstlerischen Adaption von Fluchtautos in Reaktion auf die Pegida-Demonstrationen Anfang des Jahres 2015 (Sachse auf der Flucht). Bereits im Jahr 2014 hatte er mit der Arbeit <em>Entwurzelt<\/em> dem Gef\u00fchl der Zerrissenheit und Entwurzelung durch ein mit Hausrat bepacktes, aber nicht mehr fahrt\u00fcchtiges Fahrzeug Ausdruck verliehen. Bei <em>Sachse auf der Flucht<\/em> parkte der deutsch-syrische K\u00fcnstler am Versammlungsort der Pegida-Demonstranten einen dunklen Mercedes, auf dessen Dachgep\u00e4cktr\u00e4ger \u201eklischeehafte Habseligkeiten\u201c (Halbouni) wie Gartenzwerge, ein Sonnenschirm, ein Bierkasten der Marke Radeberger und ein K\u00fchlschrank verstaut waren. Der K\u00fcnstler rief dazu auf, sich vor dem Auto fotografieren zu lassen und ihm die Bilder zur Ver\u00f6ffentlichung im Internet zuzuschicken. Auf ironische Art konnte man sich mit Gefl\u00fcchteten fremder L\u00e4nder solidarisieren und eine Gegen\u00f6ffentlichkeit bilden, zugleich aber auch den eigenen Fluchtreflex vor einer bedrohlich anwachsenden Fremdenfeindlichkeit im eigenen Land bezeugen.<\/p>\n<p>Unter dem Projekttitel <em>Nowhere is Home<\/em> (w\u00f6rtlich: \u201eNirgends ist zuhause\u201c) zeigt Halbouni in Leipzig zwei mit Hausrat bepackte Autos der Marke Volkswagen. Die beiden VW Polos wurden zuvor im Begleitprogramm der Biennale in Venedig 2015 und im Victoria and Albert Museum London pr\u00e4sentiert. Zu sehen sind hier nicht mobile Statussymbole, die einer um ihren Wohlstand und Sicherheit f\u00fcrchtenden b\u00fcrgerlichen Mittelschicht geh\u00f6ren k\u00f6nnten, die in Dresden oder auch in Leipzig aus Gr\u00fcnden einer gef\u00fchlten Unsicherheit Stimmung gegen Gefl\u00fcchtete macht, sondern \u00e4ltere Modelle niedrigpreisiger Kleinwagen. Auf dem Dach der Autos t\u00fcrmen sich Koffer, Bierk\u00e4sten, ein Keyboard, ein Teppich und anderer Hausrat. Das Mobiliar ist nicht als Inszenierung einer verarmten Unterschicht angeblich unterentwickelter L\u00e4nder zu verstehen, sondern einer globalisierten und auch in Deutschland vorherrschenden Konsum- und Wohnkultur zuzurechnen. Ebenso wie bei seiner Arbeit <em>Sachse auf der Flucht<\/em> stellt Halbouni mit dem Verzicht auf eine stereotype, exotisierende Auswahl des Hausrats die Frage des fl\u00fcchtenden Subjekts wieder neu: Wer fl\u00fcchtet vor wem aus welchem Grund?<\/p>\n<div style=\"width: 2372px\" class=\"wp-caption alignnone\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-medium\" src=\"http:\/\/www.mdbk.de\/uploads\/tx_mdbkausstellungen\/MdbK_Halbouni_Auto_London_quer_02.jpg\" width=\"2362\" height=\"1575\"><p class=\"wp-caption-text\">Manaf Halbouni, Nowhere is Home, 2015 &#8211; 2016, \u00a9 Manaf Halbouni, Foto: Punctum\/B. Kober (im Hintergrund: Wolfgang Mattheuer, Mann mit Maske, \u00a9 VG Bild-Kunst, Bonn 2016)<\/p><\/div>\n<p>Der Wagen, der freilich den heute zu Fu\u00df fl\u00fcchtenden Menschen nicht zur Verf\u00fcgung steht, kann zum Symbol der Hoffnung werden auf dem Weg zu einem sicheren Hafen, den die Fl\u00fcchtenden \u2013 so der Hinweise durch die Auswahl der Automarke \u2013 in Deutschland zu finden glauben. Ein bepacktes Fahrzeug oder andere Vehikel galten lange Zeit als emblematisch f\u00fcr das Thema Flucht und Vertreibung, bevor die Fl\u00fcchtlingsstr\u00f6me das Mittelmeer per Boot zu \u00fcberqueren versuchten oder zu Fu\u00df den Balkan passierten. Steht einem noch ein Gef\u00e4hrt zur Verf\u00fcgung, wenn das Heim verlassen werden muss, werden gut verschn\u00fcrt die wichtigsten Habseligkeiten darin und darauf verstaut. Das so in Beschlag genommene Auto wird zur neuen Heimat, die sich der Bedrohung durch Bewegung zu entziehen sucht. Das Mobile steht dem Sesshaften als erzwungenes Lebensmodell gegen\u00fcber, wie man es auch bei Andreas Slominskis Fahrrad von 1994 in der zweiten Etage des Leipziger Museums sehen kann. Mit Plastikt\u00fcten und Koffern bepackt, k\u00f6nnte das Fahrrad den mobilen Hausrat eines Obdachlosen zeigen. Diese Form der Mobilit\u00e4t spiegelt die prek\u00e4re Gegenseite einer durch die Globalisierung zu Prosperit\u00e4t gelangten wirtschaftlich und politisch erfolgreichen Welt wider.<\/p>\n<p>\u00c4hnliche Ans\u00e4tze wie bei Halbouni, durch Fahrzeuge das Thema Flucht aus politischen, religi\u00f6sen oder wirtschaftlichen Gr\u00fcnden k\u00fcnstlerisch zu verarbeiten, finden sich zum Beispiel bei Francis Al\u00ffs, der einen VW-K\u00e4fer in Tijuana an der Grenze von Mexiko zu den USA sisyphosartig immer wieder einen Berg hochfahren und runterrollen lie\u00df (<em>Rehearsal I<\/em>, 2000\/2004), oder etwa bei Anna Fasshauer, die ihren wei\u00dfen Saab, der unter der Last von Koffern und Taschen auf dem Dach einzubrechen drohte, vor einem Bingener Kriegerdenkmal zur Erinnerung an die Toten des Ersten Weltkriegs parkte (Skulpturen-Triennale Bingen, 2014).<\/p>\n<div style=\"width: 2372px\" class=\"wp-caption alignnone\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-medium\" src=\"http:\/\/www.mdbk.de\/uploads\/tx_mdbkausstellungen\/MdbK_Halbouni_Auto_Venedig_quer.jpg\" width=\"2362\" height=\"1575\"><p class=\"wp-caption-text\">Manaf Halbouni, Nowhere is Home, 2015 &#8211; 2016 \u00a9 Manaf Halbouni, Foto: Punctum\/B. Kober<\/p><\/div>\n<p>Das Automobil, w\u00f6rtlich abgeleitet aus dem Begriff der \u201aSelbstbewegung\u2018, war im 20. Jahrhundert lange Zeit Ausdruck von Selbstbestimmung, Individualit\u00e4t und Freiheit, je nach Modell auch von Status, Reichtum oder jugendlichem Vergn\u00fcgen. L\u00e4sst man seine funktionalen Aspekte, die bei der Flucht allein im Vordergrund stehen, im Museumsraum au\u00dfer Acht, bleibt der symbolische Gehalt von Freiheit und Selbstbestimmung des Autos \u00fcbrig. Auf die Frage von Flucht und Entwurzelung \u00fcbertragen, kann der Wagen als Symbolisierung einer selbstbestimmten Handlung verstanden werden, des letzten Versuchs von Fl\u00fcchtenden, sich nicht einem Schicksal oder h\u00f6heren Gewalt zu ergeben, sondern ihr Leben in die eigenen H\u00e4nde zu nehmen. Vergleicht man das Fahrzeug mit anderen Bewegungsmitteln wie dem Karren oder dem Esel, kann das fl\u00fcchtige Auto auch mit ethischen Fragen aus der Bibel in Zusammenhang gebracht werden; man denke hier etwa an die biblische Erz\u00e4hlung der \u201eFlucht nach \u00c4gypten\u201c, mit der auch der barmherzige Akt der Aufnahme der Heiligen Familie in der Not durch die \u00c4gypter verbunden wird.<\/p>\n<p>Jenseits einer zu engen religi\u00f6sen Interpretation kann die Arbeit <em>Nowhere is Home<\/em> heute als Fragestellung \u00fcber die Bedeutung eines Lebens jenseits von traditionellen Heimatbegriffen aufgefasst werden. Die Entwicklung eines globalisierten, entwurzelten Nomadentums wird in den kommenden Jahren noch st\u00e4rker auf die europ\u00e4ischen Gesellschaften zukommen und neue Diskussionen \u00fcber Identit\u00e4ten und Werte fernab hergebrachter Vorstellungen von \u201aAbendland\u2018 und Heimat hervorbringen. Insofern ist <em>Nowhere is Home <\/em>in Leipzig \u2013 der Stadt, aus der nach dem Mauerfall bis in die Mitte der 1990er Jahre etwa 25.000 Menschen auf Arbeitssuche in den Westen emigrierten \u2013 auch als ein k\u00fcnstlerischer Beitrag zur Aushandlung ethischer Werte in unserem gesellschaftlichen Miteinander zu sehen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Weitere Infos unter <a href=\"http:\/\/www.mdbk.de\/ausstellungen\/archiv\/2016\/manaf-halbouni\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">http:\/\/www.mdbk.de\/ausstellungen\/archiv\/2016\/manaf-halbouni\/<\/a> und <a href=\"http:\/\/www.katharinamariaraab.com\/artists\/manaf-halbouninowhere-is-home\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">http:\/\/www.katharinamariaraab.com\/artists\/manaf-halbouninowhere-is-home\/<\/a>.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Vom 4. April bis 26. Juni 2016 gew\u00e4hrt das Museum der bildenden K\u00fcnste Leipzig zwei \u201aFluchtautos\u2018 des in Dresden lebenden K\u00fcnstlers Manaf Halbouni Aufnahme. Halbouni entwickelte die Idee der k\u00fcnstlerischen Adaption von Fluchtautos in Reaktion auf die Pegida-Demonstrationen Anfang des Jahres 2015 (Sachse auf der Flucht). Bereits im Jahr 2014 hatte er mit der Arbeit Entwurzelt dem Gef\u00fchl der Zerrissenheit und Entwurzelung durch ein mit Hausrat bepacktes, aber nicht mehr fahrt\u00fcchtiges Fahrzeug Ausdruck verliehen. Bei Sachse auf der Flucht parkte der deutsch-syrische K\u00fcnstler am Versammlungsort der Pegida-Demonstranten einen dunklen Mercedes, auf dessen Dachgep\u00e4cktr\u00e4ger \u201eklischeehafte Habseligkeiten\u201c (Halbouni) wie<\/p>\n<p><a class=\"more-link\" href=\"https:\/\/frederic.bussmanns.eu\/blog\/manaf-halbouni-nowhere-is-home\/\">Weiterlesen<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"_jetpack_newsletter_access":"","_jetpack_dont_email_post_to_subs":false,"_jetpack_newsletter_tier_id":0,"_jetpack_memberships_contains_paywalled_content":false,"_jetpack_memberships_contains_paid_content":false,"footnotes":"","jetpack_publicize_message":"","jetpack_publicize_feature_enabled":true,"jetpack_social_post_already_shared":true,"jetpack_social_options":{"image_generator_settings":{"template":"highway","default_image_id":0,"font":"","enabled":false},"version":2},"jetpack_post_was_ever_published":false},"categories":[152],"tags":[188,186,185,168,187],"class_list":["post-537","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-ausstellungstexte","tag-auto","tag-flucht","tag-fluchtautos","tag-installation","tag-manaf-halbouni"],"aioseo_notices":[],"wp-worthy-pixel":{"ignored":false,"public":null,"server":null,"url":null},"wp-worthy-type":"normal","jetpack_publicize_connections":[],"jetpack_featured_media_url":"","jetpack_sharing_enabled":true,"jetpack_shortlink":"https:\/\/wp.me\/p863Lt-8F","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/frederic.bussmanns.eu\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/537","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/frederic.bussmanns.eu\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/frederic.bussmanns.eu\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/frederic.bussmanns.eu\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/frederic.bussmanns.eu\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=537"}],"version-history":[{"count":4,"href":"https:\/\/frederic.bussmanns.eu\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/537\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":546,"href":"https:\/\/frederic.bussmanns.eu\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/537\/revisions\/546"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/frederic.bussmanns.eu\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=537"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/frederic.bussmanns.eu\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=537"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/frederic.bussmanns.eu\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=537"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}