{"id":642,"date":"2018-03-20T16:24:17","date_gmt":"2018-03-20T15:24:17","guid":{"rendered":"http:\/\/frederic.bussmanns.eu\/blog\/?p=642"},"modified":"2019-09-08T22:33:46","modified_gmt":"2019-09-08T20:33:46","slug":"tobias-lehner-vom-versuch-zum-irrtum","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/frederic.bussmanns.eu\/blog\/tobias-lehner-vom-versuch-zum-irrtum\/","title":{"rendered":"Tobias Lehner. Vom Versuch zum Irrtum"},"content":{"rendered":"<p>Tobias Lehner. Vom Versuch zum Irrtum, in: Tobias Lehner. Trial and Error, Ausst.-Kat. Junge Kunst e.V., Wolfsburg 7. April bis 9. Juni&nbsp; 2018<\/p>\n<p><span style=\"font-size: 12px; font-family: arial, helvetica, sans-serif;\">\u201eDas Malen ist ein donnernder Zusammensto\u00df verschiedener Welten, die in und aus dem Kampfe miteinander die neue Welt zu schaffen bestimmt sind, die das Werk hei\u00dft\u201c, schrieb Wassily Kandinsky in einem ber\u00fchmten und vielzitierten Text von 1913 r\u00fcckblickend \u00fcber den Prozess des Malens. Er f\u00fchrt weiter aus: \u201eJedes Kunstwerk entsteht technisch so, wie der Kosmos entstand \u2013 durch Katastrophen, die aus dem chaotischen Gebr\u00fcll der Instrumente zum Schlu\u00df eine Symphonie bilden, die Sph\u00e4renmusik hei\u00dft. Werksch\u00f6pfung ist Weltsch\u00f6pfung.\u201c<a href=\"#_ftn1\" name=\"_ftnref1\">[1]<\/a> Die Analogie zur Musik diente Kandinsky zur Erl\u00e4uterung seines eigenen Ansatzes einer abstrakten Malerei, die kein mimetisches Abbild des Natursch\u00f6nen war, sondern zu einer neuen, reinen und vergeistigten Kunst und damit zu einem eigenst\u00e4ndigen k\u00fcnstlerischen Kosmos f\u00fchren sollte. Auch wenn \u00fcber einhundert Jahre sp\u00e4ter das Kunstwerk nicht mehr als Sch\u00f6pfungsakt einer neuen Welt gesehen wird \u2013 und die Abstraktion nicht mehr gegen die Figuration in Stellung gebracht wird, gegenst\u00e4ndliche und ungegenst\u00e4ndliche Kunst keine Gegnerschaft mehr provozieren \u2013, sind heute noch bei Malern \u00e4hnliche Impulse zu erkennen, die Kandinsky 1913 beschrieben hat. Auch heute noch bannen Maler ihre Welten auf die Leinwand, sch\u00f6pfen aus ihrer Umwelt ebenso wie aus ihrer Imagination. Sie ordnen das \u201achaotische Gebr\u00fcll\u2018 der Formen und Farben, das sie umgibt und erf\u00fcllt, um Neues beim Betrachter entstehen zu lassen und die Freiheit der Empfindung der Freiheit des Schaffens an die Seite zu stellen.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-size: 12px; font-family: arial, helvetica, sans-serif;\">Tobias Lehner ist so ein K\u00fcnstler. In mehr als 20 Jahren hat er ein umfassendes malerisches Oeuvre geschaffen, das mit seiner ganz und gar abstrakten Formensprache im Umfeld der Leipziger Hochschule f\u00fcr Grafik und Buchkunst eher eine Ausnahme bildet und sich vielmehr an Entwicklungen der westlichen Nachkriegsavantgarde anschlie\u00dft. W\u00e4hrend seine fr\u00fchere Malerei st\u00e4rker von Linien und geometrischen Fl\u00e4chen gepr\u00e4gt ist, tektonisch aufgebaut zu sein scheint und damit auch der eines K\u00fcnstlers wie Martin Kobe nicht un\u00e4hnlich ist, verzichtet er seit einigen Jahren zunehmend darauf und arbeitet seine Fl\u00e4chen freier aus. Konsequent verweigert sich Lehner der offenkundigen Narration, des Fabulierens durch figurative Andeutungen, sondern setzt organische neben geometrische Formen, f\u00fcgt hinzu und nimmt wieder weg, setzt Form um Form ohne Ankl\u00e4nge an Gegenst\u00e4nden seine Bilder zusammen. Lehner sucht die L\u00f6sung zu seinen k\u00fcnstlerischen Problemen im Prozess des immer wieder neuen \u00dcbermalens, frei nach dem titelgebenden Motto des \u201etrial and error\u201c (Versuch und Irrtum). Einige seiner in Acryl gemalten Bilder wirken wie Palimpseste, in denen sich neue Motive und Formen \u00fcber \u00e4ltere legen, wobei Lehner nicht die \u00e4lteren Zeugnisse abschabt, sondern sie stehen l\u00e4sst und \u00fcbermalt. So entstehen Schicht um Schicht Gem\u00e4lde mit abstrahierenden Formen und Fl\u00e4chen, die entgegen der Abstraktion der klassischen Moderne wieder von einem Tiefenraum gepr\u00e4gt sind, entstanden durch kompositorische und motivische Effekte sowie der Verwendung von Zentralperspektive, aber ebenso durch die tats\u00e4chliche \u00dcberlagerung von d\u00fcnnen Farbschichten. Lehner arbeitet sich wieder und wieder an seinen Leinw\u00e4nden ab, setzt Farben, erzeugt malerisch Assoziationsmuster und Stimmungen, verwirft diese wieder, sucht neue M\u00f6glichkeiten und arbeitet solange, bis das Zusammenspiel von Farben und Formen die richtige Balance und den richtigen Komplexit\u00e4tsgrad hat, die zu seiner Gef\u00fchlslage passende Aussagekraft hat und seinem eigenen Stimmungsbild entspricht. Bei seinen Kompositionen geht es ihm nicht um Nachbildungen der Welt, sondern um Neusch\u00f6pfungen durch die Malerei, dem Diktum Kandinskys nicht un\u00e4hnlich, dass Werksch\u00f6pfung Weltsch\u00f6pfung sei. Lehner stellt uns seine Innenwelten vor, verarbeitet Erfahrungen und Erlebnisse und sucht die Entsprechungen daf\u00fcr in Form und Farbe.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-size: 12px; font-family: arial, helvetica, sans-serif;\">W\u00e4hrend sich Tobias Lehner in seiner abstrakten Grundhaltung deutlich von seinem direkten, h\u00e4ufig figurativ arbeitenden k\u00fcnstlerischen Umfeld in Leipzig absetzt, findet er in der westlichen Kunst des 20. Jahrhunderts erste Orientierungen f\u00fcr seine eigene Arbeit, allen voran in der angloamerikanischen Kunst der Nachkriegszeit. K\u00fcnstler wie Jackson Pollock, Mark Rothko, Barnett Newman oder auch Frank Stella interessieren Tobias Lehner. Der abstrakte Expressionismus und die amerikanische Farbfeldmalerei mit ihren immersiven Qualit\u00e4ten, die bisweilen zum Transzendentalen neigen, das Eintauchen in sph\u00e4risch anmutende Bildwelten, die Farbfeldmalerei und vor allem aber ihr Ausloten von malerischer Komplexit\u00e4t und Einfachheit sind Bildtechniken, die Lehners eigene Arbeit stimuliert haben. Hierin ist Lehner mit zeitgen\u00f6ssischen K\u00fcnstlern wie Sterling Ruby vergleichbar, der sich in seiner Malerei ebenfalls mit dem Erbe des Abstrakten Expressionismus auseinandersetzt. Mit Rothko teilt Lehner die Ansicht, dass Kunst Emotionen und Imaginationen evozieren soll und nicht etwa eine Systematik ihrer selbst willen darstellt. Jedoch ist er von der strengen Reduktion der Malerei Rothkos oder Newmans entfernt und \u201a\u00fcberfrachtet\u2018 eher seine Bilder, \u201achaotisiert\u2018 sie und ordnet neu. Auch f\u00e4llt seine Malerei weniger sph\u00e4risch-transzendental aus als die seiner \u00e4lteren amerikanischen Kollegen, vielmehr scheint er auch strengere Ans\u00e4tze von Op Art-K\u00fcnstlern wie etwa Bridget Riley wieder aufzugreifen und diese mit einer zeitgen\u00f6ssischen Vision weiterzuentwickeln. Der Fundus seiner Malerei ist die Kunst des 20. Jahrhunderts, aus der er sch\u00f6pft und deren Impulse er verarbeitet. Seine \u00c4sthetik aber ist die des 21. Jahrhunderts, sein visuelles Vokabular ohne die Erfahrung der Bildsprache von Videoanimationen und Computergrafik nicht denkbar.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-size: 12px; font-family: arial, helvetica, sans-serif;\">Die von Kandinsky benutzte Metapher der malerischen \u201eInstrumente\u201c, die \u201ezum Schlu\u00df eine Symphonie bilden\u201c l\u00e4sst sich auch auf die Malerei Lehners anwenden. Als ehemaliger Chorknabe und Sohn eines Berufsmusikers ist Tobias Lehner stark von Musik und besonders von Johann Sebastian Bach gepr\u00e4gt. Kosmos und Ordnung, Struktur und Wiederholung der Musik Bachs, ihre Harmonien und Kompositionsprinzipien hat Lehner verinnerlicht, ohne dass seine Malerei freilich ein Abbild von dessen musikalischen Prinzipien ist. Er folgt aber der musikalischen Abstraktionsf\u00e4higkeit, die durch Harmonien, Melodien und Rhythmus beim H\u00f6rer Ideen und Bilder evoziert. Auch zeigen Lehners Bilder keine w\u00f6rtliche Motivik, sondern bilden rhythmisierte Farbkl\u00e4nge, bisweilen unterbrochen durch Leitmotive und dadurch Assoziationsmuster, die bedeutungsoffen&nbsp; beim Betrachter eine Vielzahl an Verbindungen zulassen. Lehners Bilder fallen mal als Et\u00fcden aus, mit wenigen, aber pr\u00e4zise gesetzten Ausdrucksmitteln, mal entfalten sie aber auch die orchestrale Wirkmacht veritabler Symphonien, die durch Umfang und Vielfalt der malerischen Stimmen den Betrachter in ihren Bann ziehen.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-size: 12px; font-family: arial, helvetica, sans-serif;\">Lehners Hauptwerk in der Wolfsburger Ausstellung, f\u00fcr den spezifischen Ort oberhalb der zentralen Treppe gemalt, kann als eine solche Symphonie empfunden werden. Auf schwarzem Grund steht ein strenges Raster, von dem sich amorphe Farbgebilde vornehmlich in Magenta, Orange, Blau und Grau schablonenhaft absetzen. Die Rasterlinien nehmen diese Farben wieder auf. Hie und da zeugen Farbspritzer vom dynamischen, vom k\u00f6rperlichen Akt des Malens, verweigern sich jeder Kontrolle, die zuvor mit dem streng geometrischen Gitter so kleinteilig und zum Impulsiv-Zuf\u00e4lligen in Kontrast gesetzt wurde \u2013 Stilmittel und Techniken, die sich in unterschiedlicher Auspr\u00e4gung auch auf den anderen Leinw\u00e4nden wiederfinden lassen. Gr\u00f6\u00dfe und Anlage des Bildes sind auf Immersion ausgerichtet. Als Betrachter k\u00f6nnte man sich in dem Bild verlieren, w\u00e4re es nicht auf Weitsicht und Entfernung gemalt. Ein anderes Beispiel f\u00fcr diese immersiv anmutenden Bildwelten mit Mitteln der Malerei \u2013 und nicht etwa durch eine computergest\u00fctzte Virtuelle Realit\u00e4t \u2013 ist auch das gro\u00dfformatige Gem\u00e4lde, das Lehner bei der Galerie Kleindienst in Leipzig 2017 ausgestellt hat (<em>Ohne Titel (5)<\/em>, 2017). In Nachbarschaft mit weiteren Leinw\u00e4nden \u2013 die bisweilen von monochrom gehaltenen geometrischen Fl\u00e4chen dominiert sind, die an die Malerei Frank Stellas erinnern \u2013 und seinen abstrakten Plastiken zog das Bild die ganze Aufmerksamkeit auf sich. Auch in dieser Arbeit legt Lehner verschiedene und gegenl\u00e4ufige malerische Ans\u00e4tze \u00fcbereinander: sph\u00e4risch anmutende Farbfl\u00e4chen in Orange und Rosa, die wie aufgerissen wirken durch schwarze Farbspritzer Pollockscher Pr\u00e4gung, \u00fcber die sich wiederum gr\u00e4ulich verlaufende Schleier legen, so fl\u00fcssig und schnell gemalt, dass die Farbe herunterl\u00e4uft und damit das Prozesshafte des Malens ohne Scheu deutlich macht. An die Oberfl\u00e4che schlie\u00dflich dr\u00e4ngen monochrom-orangene Fl\u00e4chen, deren Wirkung durch grau-wei\u00dfe Aureolen noch verst\u00e4rkt werden; sie scheinen wie Inseln aus der Tiefe aufzutauchen und legen sich wie ein Tarnnetz \u00fcber den dynamischen Farbkosmos dahinter. Farb- und Formkontraste erzeugen einen offenen Bildraum, der eine Vielzahl von Assoziationen etwa an zerkl\u00fcftete, aufgerissene Landschaften zul\u00e4sst, sich aber jeder erz\u00e4hlerischen Eindeutigkeit entzieht.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-size: 12px; font-family: arial, helvetica, sans-serif;\">Man taucht in Lehners Bildr\u00e4ume ein, arbeitet sich St\u00fcck f\u00fcr St\u00fcck durch fragmentierte Bildschichten, auf der Suche nach Erkennbarkeit und Erkenntnis. Am Ende bleiben Spuren der Erinnerung, Bruchst\u00fccke von Bedeutungen, die mit Formen und Farben in Verbindung gesetzt werden, ohne je ein eindeutiges Gesamtbild zu ergeben. Fl\u00fcchtige Spuren eines Augenblicks. Diese Fragmentierung kombiniert er bei seinen aktuellen Gem\u00e4lden mit einer auffallenden Farbgebung, die sich durch eine grelle Kombination von Neonfarben etwa in Magenta, Gr\u00fcn oder Orange auszeichnet, deren Wirkung vor dunklem oder grauem Grund noch gesteigert wird. Fast wie Warnhinweise treten diese Flecken auf und erzeugen keineswegs einen harmonischen Zusammenklang, sondern regen zum Widerspruch an, provozieren visuell. Lehners derart gestaltete Bilder, hinter denen auch Assoziationen an zerkl\u00fcftete Landschaften aufblitzen, scheinen krisenhaft zu reagieren auf eine Zeit, die von Zerrissenheit und Konflikten gepr\u00e4gt ist. Die camouflageartig gesetzten Farbfl\u00e4chen k\u00f6nnten etwa Kriegsstrategien imitieren, ohne dass Lehners offene Formgebung diese Lesart aber direkt herausfordert. Lehner malt gegenstandslos, aber dennoch voller Bez\u00fcge zu seiner Bild- und Lebenswelt. Der Glaube an ein einheitliches Werk- und Weltbild, wie es vielleicht noch Kandinskys Text suggeriert, ist nach den politischen und k\u00fcnstlerischen Erfahrungen des 20. Jahrhunderts nicht mehr denkbar. Und dieser Fragmentierung des Denkens, der Vielschichtigkeit und Komplexit\u00e4t der Welt, dem Zweifel an einer einfachen Weltsicht und damit der zerrissenen Mehrdeutigkeit der Existenz gibt Lehner in seiner Malerei Ausdruck.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-size: 12px; font-family: arial, helvetica, sans-serif;\"><a href=\"#_ftnref1\" name=\"_ftn1\">[1]<\/a> Wassily Kandinsky, \u201eR\u00fcckblicke\u201c, in <em>Kandinsky. 1901\u20131913<\/em>, Berlin: Verlag Der Sturm 1913, I\u2013XXXXI, hier S. XIX.<\/span><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<div class=\"wp-block-pdfemb-pdf-embedder-viewer\"><a href=\"https:\/\/frederic.bussmanns.eu\/blog\/wp-content\/uploads\/2018\/03\/180515-Lehner-Innen-Druck.pdf\" class=\"pdfemb-viewer\" style=\"\" data-width=\"max\" data-height=\"max\" data-toolbar=\"bottom\" data-toolbar-fixed=\"off\">180515 Lehner Innen Druck<\/a><\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Tobias Lehner. Vom Versuch zum Irrtum, in: Tobias Lehner. Trial and Error, Ausst.-Kat. Junge Kunst e.V., Wolfsburg 7. April bis 9. Juni&nbsp; 2018 \u201eDas Malen ist ein donnernder Zusammensto\u00df verschiedener Welten, die in und aus dem Kampfe miteinander die neue Welt zu schaffen bestimmt sind, die das Werk hei\u00dft\u201c, schrieb Wassily Kandinsky in einem ber\u00fchmten und vielzitierten Text von 1913 r\u00fcckblickend \u00fcber den Prozess des Malens. 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