{"id":70,"date":"2008-03-15T22:49:17","date_gmt":"2008-03-15T21:49:17","guid":{"rendered":"http:\/\/frederic.bussmanns.eu\/blog\/?p=70"},"modified":"2017-02-21T23:04:57","modified_gmt":"2017-02-21T22:04:57","slug":"colin-b-bailey-und-pierre-rosenberg-hrsg-gabriel-de-saint-aubin-1724-1780-ausstellungskatalog-new-york-und-paris-2007-2008","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/frederic.bussmanns.eu\/blog\/colin-b-bailey-und-pierre-rosenberg-hrsg-gabriel-de-saint-aubin-1724-1780-ausstellungskatalog-new-york-und-paris-2007-2008\/","title":{"rendered":"Rezension von Colin B. Bailey und Pierre Rosenberg (Hrsg.), Gabriel de Saint-Aubin, 1724\u20131780, Ausstellungskatalog New York und Paris 2007-2008"},"content":{"rendered":"<p class=\"western\">Im Oktober letzten Jahre<a href=\"http:\/\/www.sehepunkte.de\/2008\/03\/13990.html\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-medium wp-image-239 alignleft\" src=\"http:\/\/frederic.bussmanns.eu\/blog\/wp-content\/uploads\/2016\/11\/518Bt8uBy-L-262x300.jpg\" alt=\"518bt8uby-l\" width=\"262\" height=\"300\" srcset=\"https:\/\/frederic.bussmanns.eu\/blog\/wp-content\/uploads\/2016\/11\/518Bt8uBy-L-262x300.jpg 262w, https:\/\/frederic.bussmanns.eu\/blog\/wp-content\/uploads\/2016\/11\/518Bt8uBy-L.jpg 437w\" sizes=\"auto, (max-width: 262px) 100vw, 262px\" \/><\/a>s er\u00f6ffnete in der New Yorker Frick Collection eine Ausstellung \u00fcber den Zeichner, Stecher und Maler Gabriel de Saint-Aubin (1724\u20131780), die in Zusammenarbeit mit dem Pariser Louvre entstanden ist und dort anschlie\u00dfend bis zum 26. Mai 2008 zu sehen sein wird. Der auf Franz\u00f6sisch und Englisch im Buchhandel erh\u00e4ltliche Ausstellungskatalog umfa\u00dft neben den 77 Katalogeintr\u00e4gen zu den Werken der Ausstellung, vor allem Zeichnungen, f\u00fcnf Aufs\u00e4tze, die den Forschungsstand \u00fcber diesen von der kunsthistorischen Forschung eher nachl\u00e4ssig behandelten K\u00fcnstler wiedergeben.<\/p>\n<p class=\"western\">Gabriel de Saint-Aubin geh\u00f6rt zu jenen K\u00fcnstlern, die nie komplett in Vergessenheit gerieten, die aber auch nie ein sehr gro\u00dfes Interesse auf sich zogen. Ohne aus ihm einen gro\u00dfen Meister des 18. Jahrhunderts machen zu wollen, versucht das Kuratoren- und Autorenteam, bestehend aus Colin B. Bailey von der Frick Collection sowie Kim de Beaumont und Suzanne Folds McCullagh auf der amerikanischen und Christophe L\u00e9ribault und Pierre Rosenberg auf der franz\u00f6sischen Seite, die ihm geb\u00fchrende Aufmerksamkeit zu verschaffen. Der Katalog ist die erste umfassende wissenschaftliche Publikation \u00fcber sein Schaffen seit \u00fcber 70 Jahren, die Ausstellung \u2013 neben einer kleineren Ausstellung 1975 in Baltimore \u2013 seine erste umfassende, internationale Retrospektive.<\/p>\n<p class=\"western\">Es ist den Br\u00fcdern Goncourt zu verdanken, da\u00df die Familie Saint-Aubin mit ihren so unterschiedlichen Talenten und Werken in der zweiten H\u00e4lfte des 19. Jahrhunderts durch ihr <i>Art au XVIII<\/i><sup><i>e<\/i><\/sup><i> si\u00e8cle <\/i>(ab 1859) zumindest in Frankreich wieder ins kulturelle Bewu\u00dftsein r\u00fcckte. Weniger literarisch, daf\u00fcr um so st\u00e4rker auf systematisierende Wissenschaftlichkeit achtend, brachte der Konservator der Biblioth\u00e8que nationale in Paris Emile Dacier zu Beginn des 20. Jahrhunderts das ganze Schaffen Gabriel de Saint-Aubins in verschiedenen Publikationen heraus: ab 1909&nbsp;die Skizzen in den Verkaufskatalogen der 1750er bis 1770er Jahre, ab 1929 den 2-b\u00e4ndigen <i>Catalogue raisonn\u00e9<\/i> mit \u00fcber 1130 verzeichneten Arbeiten.<\/p>\n<p class=\"western\">Seit den Forschungen Daciers ist es zwar immer wieder zu Einzeluntersuchungen gekommen, vor allem zu Aufs\u00e4tzen zu seinen Zeichnungen, doch eine grunds\u00e4tzliche Neubewertung des Werkes und eine historische Kontextualisierung standen (und stehen) bis heute aus. Alle in dem Katalog schreibenden Autoren beziehen sich immer wieder auf Dacier als die weiterhin g\u00fcltige Referenz. Mit Kim de Beaumont und Suzanne Folds McCullaghs hatte Colin B. Bailey, der die treibende Kraft zu dieser Ausstellung war, zwei Kunsthistorikerinnen gewinnen k\u00f6nnen, die beide ihre Dissertationen \u00fcber Gabriel de Saint-Aubin geschrieben hatten und nun eine Essenz ihrer zur\u00fcckliegenden Forschungen ver\u00f6ffentlichen konnten. Da die beiden Dissertation (von 1998 bzw. 1981) unpubliziert blieben, ist es dem Katalog also zu verdanken, diese L\u00fccke zum Teil geschlossen zu haben.<\/p>\n<p class=\"western\">Nach einem einleitenden \u00dcberblicksaufsatz (S.&nbsp;10\u201317) von Pierre Rosenberg, der 2002 bereits in der kleinen Monographie <i>Le Livre des Saint-Aubin <\/i>des Louvre einen knappen Einblick in sein Wissen \u00fcber die K\u00fcnstlerfamilie gegeben hatte, zeichnet Kim de Beaumont in ihrem biographischen Aufsatz (S.&nbsp;18\u201347) das Leben des K\u00fcnstlers als Hintergrund seines Schaffens nach. Suzanne Folds McCullaghs widmet sich der k\u00fcnstlerischen Entwicklung Saint-Aubins als Zeichner (S.&nbsp;48\u201357). Bevor sich Colin B. Bailey in seinem Aufsatz (S.&nbsp;70-107) den Zeichnungen Saint-Aubins in den Pariser Verkaufskatalogen, seiner Vernetzung mit den wichtigsten Akteuren des Pariser Kunstmarkts und der Kultur, dem Geschmack und der Bildung des K\u00fcnstlers anhand seiner Anmerkungen in den Katalogen zuwendet, begleitet Christophe L\u00e9ribault, Kustos der graphischen Sammlung des Louvre, in seinem Text (S.&nbsp;58\u201369) den Leser in das Paris des ausgehenden Ancien R\u00e9gime. Paris mit seinen Monumente und allgemein mit seiner Kultur war zentraler Gegenstand des Schaffens Saint-Aubins.<\/p>\n<p class=\"western\">Die einzelnen Aufs\u00e4tze sind gut geschrieben und zumeist klar in ihrer Argumentation. Es zeigt sich hier der positive Einflu\u00df der angels\u00e4chsischen Wissenschaftstradition, die h\u00e4ufig einen komplexen Inhalt mit einer ansprechenden sprachlichen Form verbindet. Einige der \u00e4lteren Beurteilungen Saint-Aubins werden revidiert, wie etwa von Kim de Beaumont die von den Br\u00fcdern Goncourt geschaffene Idee von Gabriel de Saint-Aubin als einem Boh\u00e9mien, der aus seinem akademischen Versagen eine Tugend machte und au\u00dferhalb der gesellschaftlichen und k\u00fcnstlerischen Norm seinen heroischen Pfad ging. Sie kann nachweisen, da\u00df Saint-Aubin zwar von der Akademie als Historienmaler abgelehnt wurde, er aber fr\u00fch bereits als Auftragszeichner mit einem guten Netzwerk, auch dank der eigenen Gro\u00dffamilie mit guten Verbindungen zum Adel und zum Hof, erfolgreich eine eigenst\u00e4ndige Karriere fortsetzte.<\/p>\n<p class=\"western\">Der Leser findet in ihrem Text einen in der Detailf\u00fclle \u00fcberzeugenden, chronologischen Abri\u00df der Werke und Schaffensperioden Saint-Aubins \u2013 allein eine stilkritische Untersuchung seiner aus dem Geist der Rocaille entspringenden Kunst vor dem sich wandelnden Geschmack der Zeit sucht er vergebens. Auch ist es wohl dem Format des Ausstellungskatalogs geschuldet, da\u00df leider auf Verweise auf die Verwendung von Archivmaterial, der K\u00f6nigsdisziplin der franz\u00f6sischen Kunstgeschichte, in den Anmerkungen fast vollst\u00e4ndig verzichtet wurde. Die in allen Texten des Katalogs bisweilen wiederkehrenden Zitate aus den selben Quellen sowie die st\u00e4ndigen Verweise auf Emile Dacier, die noch als Verbeugung vor dessen Arbeit verstanden werden k\u00f6nnten, lassen bef\u00fcrchten, da\u00df entweder keine neuen Archivalien bekannt sind oder da\u00df sie aus Gr\u00fcnden der R\u00fccksicht auf ein gr\u00f6\u00dferes Zielpublikum weggelassen wurden.<\/p>\n<p class=\"western\">Die kunsthistorische Analyse des graphischen Werks unternimmt schlie\u00dflich Suzanne Folds McCullagh, die dieses nicht wie bei Saint-Aubin \u00fcblich nach Sujets, sondern in chronologischer Abfolge gedanklich ordnet. Sie zeigt an ausgew\u00e4hlten Beispielen die verschiedenen Stilelemente und Einfl\u00fcsse auf, von den fr\u00fchen an Watteau und Boucher inspirierten Zeichnungen der 1750er und 1760er Jahre hin zu den ganz eigenen, \u201aatmosph\u00e4rischen\u2018 Bildkompositionen der 1770er Jahre, die mit einem freieren Strich einen ganz eigenwilligen und unverwechselbaren, vor dem Hintergrund des aufkommenden <i>go\u00fbt grec<\/i> aber auch etwas altmodischen Charakter besitzen.<\/p>\n<p class=\"western\">Die Zeichnungen Saint-Aubins sind keine objektiven Zeitzeugnisse, sondern mit viel Phantasie und Verve \u00fcberh\u00f6hte Augenblicke des Pariser Lebens im ausgehenden Ancien R\u00e9gime. Zwar entzieht sich Saint-Aubin den kritischen Diskussionen der Aufkl\u00e4rung und verschwindet in seinen Skizzen zumeist im Reich der Allegorie und des Phantastischen \u2013 politische oder Sozialstudien sucht man hier meist vergebens, auch Portraits stammen in erster Linie nur aus dem engeren Familienkreis \u2013, doch vermitteln diese sehr stark eine hohe Beobachtungsgabe, eine starke Empfindsamkeit gepaart mit einem leicht ironischen Blick, eine gro\u00dfe Begeisterung f\u00fcr seine eigene Stadt, die er nie verlassen hat, f\u00fcr deren Monumente und ihre Bewohner. Er zeichnet Ikonen seiner Zeit und benutzte die Stadt Paris als Projektionsfl\u00e4che seiner Phantasie.<\/p>\n<p class=\"western\">Zu den bekanntesten Zeichnungen Saint-Aubins geh\u00f6ren seine Ansichten der Salon-Ausstellungen des Louvre von 1765 und 1769. Sie bezeugen Saint-Aubins Passion f\u00fcr die Kunstszene und das kulturelle Leben der Stadt Paris in den 1750er bis 1770er Jahren. Er besuchte die Kunstauktionen \u2013 neben den Salonausstellungen eine der wenigen M\u00f6glichkeiten zu der Zeit, Kunstwerke zu sehen \u2013, und fertigte von einer Auswahl der zum Verkauf stehenden Werke seine bekannten Skizzen an. Sie sind eine Hommage an die K\u00fcnste an sich und eventuell, wie Colin B. Bailey in seinem Essay \u00fcberzeugend argumentiert, auch ein kommerzielles Unternehmen als Auftragsarbeit f\u00fcr Sammler, die sich ein Bild von den verkauften Objekten machen wollten. Nicht nur zeichnete Saint-Aubin sie in Verbeugung vor dem Schaffen anderer K\u00fcnstler in ihren wesentlichen Umrissen so pr\u00e4zise, da\u00df sie heute noch als unverzichtbare Quellen f\u00fcr die Provenienzgeschichte zu bewerten sind, sondern er hatte sich durch sie in einer Zeit, in der die Lithographie noch nicht erfunden und die Reproduktionsgraphik zu aufwendig war, eine neue Marktl\u00fccke im boomenden Kunstmarkt erschlossen.<\/p>\n<p class=\"western\">Der Katalog hat den gro\u00dfen Verdienst, Gabriel de Saint-Aubin durch die Aufs\u00e4tze, durch die hochqualitative, farbige Wiedergabe einer guten Auswahl seiner Zeichnungen und durch Vergleichsabbildungen wieder ins Ged\u00e4chtnis eines gr\u00f6\u00dferen Publikums zu rufen, ihn neu zu entdecken. Einige \u00e4ltere Ansichten wurden revidiert, einige neue Ans\u00e4tze etwa in bezug auf die Zeichnungen in den Katalogen entwickelt, ohne da\u00df man hier jedoch grunds\u00e4tzliche Neuerungen nach der gr\u00fcndlichen Arbeit Emil Daciers erwarten sollte. Offen bleiben noch viele Fragen, wie zum Beispiel die nach den \u00e4sthetischen und geistesgeschichtlichen Traditionen, in die sich Saint-Aubin stellte, oder die nach den visuellen Strategien, die er f\u00fcr sein eigenes vision\u00e4res Parisbild benutzte; auch Fragen nach dem sozialen Umfeld seines Schaffens, nach dem Verh\u00e4ltnis von K\u00fcnstler und Gesellschaft im ausgehenden Ancien R\u00e9gime, die nur am Rande gestreift werden, und dem gr\u00f6\u00dferen k\u00fcnstlerischen Kontext bleiben in weiten Teilen noch offen, doch darf dies von einem Ausstellungskatalog, der einen unbekannteren K\u00fcnstler wieder in den Vordergrund stellen will, nicht erwartet werden. Dies sind Aufgaben, die sich hoffentlich noch andere Kunsthistoriker stellen werden. Auf dem Weg dahin kann ein Besuch der Ausstellung im Louvre, der in unmittelbarer N\u00e4he zum heute nicht mehr stehenden Wohnhaus des K\u00fcnstlers liegt, nur sehr empfohlen werden, denn was ist schon eine Reproduktion neben dem Original?<\/p>\n<p class=\"western\" align=\"right\">Dr. Fr\u00e9d\u00e9ric Bu\u00dfmann<br \/>\nDeutsches Forum f\u00fcr Kunstgeschichte, Paris<br \/>\n&lt;fbussmann@dt-forum.org&gt;<\/p>\n<p class=\"western\" align=\"right\">&nbsp;<\/p>\n<p class=\"western\" style=\"text-align: left;\" align=\"right\"><span style=\"font-size: 12px;\">Colin B. Bailey und Pierre Rosenberg (Hrsg.),<i> Gabriel de Saint-Aubin, 1724\u20131780<\/i>, Ausstellungskatalog New York, The Frick Collection, 30. Oktober 2007\u201327. <span lang=\"fr-FR\">Januar 2008, Paris, Mus\u00e9e du Louvre, <\/span><span lang=\"fr-FR\">21. Februar\u201326. Mai 2008,<\/span><span lang=\"fr-FR\"> Paris, Somogy 2007, <\/span>ISBN (Louvre): 978-2-35031-138-8, ISBN (Frick Collection): 978-0-912114-37-8, ISBN (Somogy): 978-2-7572-0110-7, ver\u00f6ffentlicht&nbsp;in: <em>sehepunkte<\/em> 8 (2008), Nr. 3 [15.03.2008], URL: <a href=\"http:\/\/www.sehepunkte.de\/2008\/03\/13990.html\">http:\/\/www.sehepunkte.de\/2008\/03\/13990.html<\/a><\/span><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Im Oktober letzten Jahres er\u00f6ffnete in der New Yorker Frick Collection eine Ausstellung \u00fcber den Zeichner, Stecher und Maler Gabriel de Saint-Aubin (1724\u20131780), die in Zusammenarbeit mit dem Pariser Louvre entstanden ist und dort anschlie\u00dfend bis zum 26. Mai 2008 zu sehen sein wird. Der auf Franz\u00f6sisch und Englisch im Buchhandel erh\u00e4ltliche Ausstellungskatalog umfa\u00dft neben den 77 Katalogeintr\u00e4gen zu den Werken der Ausstellung, vor allem Zeichnungen, f\u00fcnf Aufs\u00e4tze, die den Forschungsstand \u00fcber diesen von der kunsthistorischen Forschung eher nachl\u00e4ssig behandelten K\u00fcnstler wiedergeben. 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