{"id":72,"date":"2010-06-15T22:51:41","date_gmt":"2010-06-15T20:51:41","guid":{"rendered":"http:\/\/frederic.bussmanns.eu\/blog\/?p=72"},"modified":"2017-02-21T22:27:37","modified_gmt":"2017-02-21T21:27:37","slug":"rezension-von-charlotte-guichard-les-amateurs-dart-a-paris-au-xviiie-siecle-seyssel-champ-vallon-2008","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/frederic.bussmanns.eu\/blog\/rezension-von-charlotte-guichard-les-amateurs-dart-a-paris-au-xviiie-siecle-seyssel-champ-vallon-2008\/","title":{"rendered":"Rezension von Charlotte Guichard, Les amateurs d\u2018art \u00e0 Paris au XVIIIe si\u00e8cle, Seyssel, Champ Vallon 2008"},"content":{"rendered":"<p>Rezension von Charlotte Guichard, <em>Les amateurs d\u2018art \u00e0 Paris au XVIIIe si\u00e8cle<\/em>, Seyssel, Champ Vallon 2008, ISBN: 978 2-87673-492-0, ver\u00f6ffentlicht in: sehepunkte 10 (2010), Nr. 6 [15.06.2010], URL: <a href=\"http:\/\/www.sehepunkte.de\/2010\/06\/15970.html\">http:\/\/www.sehepunkte.de\/2010\/06\/15970.html<\/a><\/p>\n<p>Als sich Denis Dider<img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft\" src=\"http:\/\/frederic.bussmanns.eu\/blog\/wp-content\/uploads\/2016\/11\/13044.jpg\" alt=\"13044\" width=\"200\" height=\"261\">ot in der Correspondance litt\u00e9raire \u00fcber die \u201emaudite race [\u2026] des amateurs\u201c echauffierte, polemisierte er gegen eine sich seit der Mitte des 18. Jahrhunderts in Frankreich etablierend Gruppe von Kunstliebhabern und Kennern, die als amateurs honoraires der Pariser Acad\u00e9mie royale de peinture et de sculpture verbunden waren und sich als Vermittler zwischen K\u00fcnstlern und Gesellschaft verstanden. Diesen Amateuren, die weit mehr waren als Sammler und die von der Forschung in ihrer zentralen Stellung f\u00fcr das Pariser Kunstleben bisher unzureichend gew\u00fcrdigt wurden, hat Charlotte Guichard ihre Dissertation gewidmet, die seit 2008 in Buchform vorliegt.<\/p>\n<p>Charlotte Guichard hat ihre kultur- und institutionsgeschichtlich orientierte Untersuchung in drei Teile gegliedert. Im ersten Teil widmet sie sich der Definition und Entwicklung des Amateurs im sozialen und kulturellen Geflecht des Ancien R\u00e9gime vor dem Hintergrund der \u00e4sthetischen Debatten zum Kunsturteil und zur Kunstrezeption. Sie untersucht die amateurs honoraires als nicht-professionelle (also nicht als K\u00fcnstler t\u00e4tige) Mitglieder der Acad\u00e9mie royale als ein franz\u00f6sisches Spezifikum des 18. Jahrhunderts. In Reaktion auf die zunehmende Forderung nach \u00d6ffnung des Ausstellungswesen und des Kunsturteils erhielten Amateure wie der Comte de Caylus, der Marquis de Voyer d\u2018Argenson, Pierre-Jean Mariette oder Claude-Henri Watelet einen offiziellen Status in der Akademie und durften sich in den Diskussionen dort auch \u00f6ffentlich \u00e4u\u00dfern. Pr\u00e4zise, ohne auszuschweifen, zeichnet Guichard die verschiedenen Debatten der Zeit nach und stellt die verschiedenen Akteure und Positionen anschaulich vor dem Hintergrund der historischen Ereignisse vor. Intellektuelle Zentralgestalt in der Neuorientierung der Akademie um die Jahrhundertmitte ist der Comte de Caylus, der entscheidend nicht nur zur Definition des akademischen Status des Amateurs in der Vorlesung \u201eDe l\u2018amateur\u201c von 1748, sondern auch zur Historisierung und Theoretisierung der Kunst beigetragen hat. Diskussionen um Kennerschaft und Kunsturteil, Geschmack und Gelehrtheit, seit dem Ende des 17. Jahrhunderts etwa durch die Schriften des Abb\u00e9 du Bos angeregt, bildeten um die Jahrhundertmitte den Grund f\u00fcr die Neudefinition des akademischen, den K\u00fcnstlern und ihrer Praxis \u2013 nicht einem sensualistischen Urteil \u2013 verbundenen Amateurs. Sie sollten durch ihre Kenntnis die k\u00fcnstlerischen Debatten bereichern und den Anspruch der Akademie auf das allein g\u00fcltig Kunsturteil in der \u00d6ffentlichkeit st\u00e4rken. Herausgefordert durch eine unabh\u00e4ngige Kunstkritik nach der Etablierung regelm\u00e4\u00dfiger Salonausstellungen, die weder den K\u00fcnstlern, der Akademie noch der Monarchie, sondern der Empfindung und Moral verpflichtet war, nahmen die Amateure durch ihre praktischen und theoretischen Kenntnisse, ihr sammlerisches Engagement und ihre Beitr\u00e4ge zu k\u00fcnstlerischen Debatten Anteil an der sich in Paris formierenden Kunst\u00f6ffentlichkeit. Guichard unterstreicht die enge Verbindung, die Amateure zu K\u00fcnstlern durch die gemeinsame theoretische und praktische Arbeit in der Akademie aufbauten. Die so entstandene soziale Allianz von K\u00fcnstlern und Amateuren war von zentraler Bedeutung f\u00fcr das Pariser Kunstleben und verteidigte die von der Akademie gepr\u00e4gten Normen zum Kunsturteil, etwa in der kulturpolitischen F\u00f6rderung einer klassizistischen Historienmalerei.<\/p>\n<p>Im zweiten Teil untersucht Guichard Sammlungen als Ausdruck der kulturellen Praxis und des Geschmacks des Amateurs. Obwohl sie sich auf die amateurs honoraires wie zum Beispiel Ange-Laurent de La Live de Jully oder Jean de Jullienne konzentriert, tritt hier bisweilen eine gewisse Unsch\u00e4rfe zutage, da der Begriff des Amateurs im Ancien R\u00e9gime auch f\u00fcr nicht-akademische Sammler benutzt wurde und sie diese hier ebenfalls behandelt, wie etwa den Duc de Choiseul oder den Prince de Conti. Die Bekanntheit einer Sammlung trug zum gesellschaftlichen Ruf des Amateurs bei, so da\u00df sich die Autorin zuerst den verschiedenen Strategien zuwendet, mit denen Amateure ihr Ansehen in F\u00fchrern, Katalogen oder Galeriewerken zu steigern versuchten. In diesem Zusammenhang behandelt sie pr\u00e4gnant auch die f\u00fcr die Sammlungsgeschichte relevanten Themen etwa der Provenienz, der Verkaufskataloge und \u00f6ffentlichen Versteigerungen, der verschiedenen Sammlungsarten von naturhistorischen Kabinetten \u00fcber Antikensammlungen hin zu reinen Kunstsammlungen und ihre Pr\u00e4sentation. Die Sammlungen der Amateure spiegelten die Reputation wieder, die ein Sammler in der Gesellschaft erlangen wollte, da sie Orte der gehobenen Geselligkeit waren und dem mond\u00e4nen Vergn\u00fcgen dienten. Die Sammlungen vereinten sozialen Anspruch und Sinnlichkeit, ja f\u00f6rderten die Lust am Objekt. So entstand um die Sammlungen herum ein soziales Geflecht, das au\u00dferhalb der Akademie K\u00fcnstler auch mit Auftraggebern aus der gehobene Gesellschaft zusammenbrachte. Der Erwerb von Kunstwerken, ob auf Versteigerungen oder im direkten Auftrag an K\u00fcnstler, konnte ebenso der gesellschaftlichen Selbstdarstellung dienen wie die Zusammensetzung und die Pr\u00e4sentation der Kabinette, wie die Autorin immer wieder anhand von Beispielen sehr gut belegt.<\/p>\n<p>Amateure waren aber weit mehr als nur Sammler, wie Guichard im dritten Teil deutlich macht. Der \u201eculture mondaine de l\u2018image\u201c (188), der gesellschaftliche Bedeutung des Kunstwerks und das neue Verh\u00e4ltnis von K\u00fcnstler und Amateur in der zweiten H\u00e4lfte des 18. Jahrhunderts widmet sie diesen Teil. Rom stand am Beginn dieser Entwicklung in Frankreich, da es auch aufgrund der erneuten Begeisterung f\u00fcr die Antike wieder ein kulturelles Zentrum in Europa wurde und die Romreise innerhalb der Grand Tour samt dem Studium an der Acad\u00e9mie de France sowohl f\u00fcr den K\u00fcnstler als auch f\u00fcr den Amateur Voraussetzung f\u00fcr k\u00fcnstlerische Anerkennung, Geschmack und Kultur waren. Die Autorin zeigt eindrucksvoll, wie diese Bildungsreise, etwa durch das gemeinsame Zeichnen nach den Antiken oder der Landschaft in der Campagna, ein fast partnerschaftliches Verh\u00e4ltnis zwischen den Amateuren und K\u00fcnstlern pr\u00e4gte. So wurde diese Erfahrung Ausgangspunkt eines sozialen und k\u00fcnstlerischen Netzwerks, das in Frankreich fortgef\u00fchrt wurde und sich sp\u00e4ter auf die Auftragslage ebenso wie auf den Status des K\u00fcnstlers auswirkte, wie die Beispiele von Hubert Robert oder Joseph Vernet bezeugen. Die Romerfahrung und das enge Verh\u00e4ltnis zum K\u00fcnstler f\u00fchrte beim Amateur zu einem gr\u00f6\u00dferen Interesse an der eigenen k\u00fcnstlerischen Praxis, die durch spezialisierte Literatur zur Zeichnen- und Graphikkunst f\u00fcr Amateure noch gest\u00e4rkt wurde. Dieses Kapitel ist besonders reizvoll, da sich Charlotte Guichard hier einem Thema widmet, das zwar f\u00fcr das Reich oder England mit den dilettanti bereits umfassend untersucht worden ist \u2013 und dort auch eine gr\u00f6\u00dfere Rolle spielte \u2013, f\u00fcr Frankreich aber nur vereinzelt Aufmerksamkeit erhielt (etwa durch Ulrich Leben). Detailreich erf\u00e4hrt der Leser, wie sich Amateure in Privatakademien zusammen mit K\u00fcnstlern einer eigenen Kunstpraxis widmeten und dadurch \u00e4sthetisch bildeten.<\/p>\n<p>Mit der Revolution beschlie\u00dft die Autorin ihre Untersuchung. Professionalisierung und Politisierung des Kunstlebens, die konstanten Angriffe der hommes de lettres hatten ab den 1760er Jahren zu einer immer st\u00e4rkeren Ablehnung der akademisch Konzeption des Kunsturteils gef\u00fchrt. Mit der vorl\u00e4ufigen Aufl\u00f6sung der Akademie 1793 und der \u00d6ffnung der Salonausstellungen verlor auch die kulturelle und soziale Praxis der Amateure in der Revolution ihr Bezugssystem. Der Typus des Amateurs, der weder ausschlie\u00dflich M\u00e4zen noch Sammler ist, hatte mit dem Zusammenbruch des Ancien R\u00e9gime seine soziale und institutionelle Bindung zum K\u00fcnstler eingeb\u00fc\u00dft. Zwar kommt es in der Revolution zum Versuch einer Neudefinition des Amateurs als patriotischer Unterst\u00fctzer der K\u00fcnstler, doch hat dieser nichts mehr mit dem Amateur des Ancien R\u00e9gime gemein.<\/p>\n<p>Aufgrund des disziplinen- und themen\u00fcbergreifenden Ansatzes kann die Autorin auf eine Vielzahl von bekannten Untersuchungen zur\u00fcckgreifen. Sie sieht ihre Arbeit in der Folge von Francis Haskells Forschungen zur Geschmacksgeschichte, Antikenrezeption und zum M\u00e4zenatentum, von Krzysztof Pomian zur historischen Wissenssoziologie und Sammlungsgeschichte und zur kulturgeschichtlichen Perspektive von Roger Chartier, Daniel Roche oder ihres Doktorvaters Dominique Poulot. Sie st\u00fctzt sich weiterhin auf eine Vielzahl von Recherchen zur Kunst\u00f6ffentlichkeit und den Kunstinstitutionen in Paris (z.B. Thomas Crow und Christian Michel), zu Sammlern (u.a. von Colin B. Bailey) und Amateuren (wie etwa zu Caylus von Joachim Rees) oder zum Kunsthandel (wie zuletzt von Patrick Michel). Sie konzentriert ihre Forschungen darauf aufbauend auf die sozial- und kulturgeschichtliche Bedeutung des Amateurs und f\u00fchrt sie nicht zuletzt durch die Auswertung von zum Teil unpublizierten Quellen und Archivalien des 18. Jahrhunderts weiter fort. Sie stellt an ihre Untersuchung aber den Anspruch, Mi\u00dfverst\u00e4ndnisse \u00fcber den Begriff des Amateurs zu korrigieren und neue Erkenntnis \u00fcber seine zentrale Bedeutung im Paris des Ancien R\u00e9gime zu gewinnen. Dies ist ihr gelungen. Ihr interdisziplin\u00e4rer Ansatz erlaubt in der Konzentration auf die Figur des Amateurs eine dem historischen Gegenstand angemessene Synthese, die vor allem im dritten Kapitel in der Perspektive einer Sozialgeschichte der Kunst seine Fr\u00fcchte tr\u00e4gt.<\/p>\n<p>Bedauern mag man, da\u00df der europ\u00e4ische Blick, den Guichard im Kapitel \u00fcber die in Rom initiierten Amateure und in ihrer Conclusio anwendet, nicht auch die anderen Kapitel bereichert hat. Sicher, die Definition des Amateurs als spezifisch franz\u00f6sischer aristokratisch-akademischer Typus rechtfertigt die Konzentration auf Paris, doch w\u00e4re der Vergleich unterschiedlicher Ph\u00e4nomene auf dem europ\u00e4ischen Kontinent erkenntnisf\u00f6rdernd und f\u00fcr die Argumentation sch\u00e4rfend gewesen. Man kann nur hoffen, da\u00df die Tatsache, da\u00df Schenaus Kunstgespr\u00e4ch aus Dresden die letzte Abbildung in dem Buch ist, als Ank\u00fcndigung auf weitere Forschungen im europ\u00e4ischen Blickfeld gemeint ist.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">Fr\u00e9d\u00e9ric Bu\u00dfmann<br \/>\nBayerische Staatsgem\u00e4ldesammlungen<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Rezension von Charlotte Guichard, Les amateurs d\u2018art \u00e0 Paris au XVIIIe si\u00e8cle, Seyssel, Champ Vallon 2008, ISBN: 978 2-87673-492-0, ver\u00f6ffentlicht in: sehepunkte 10 (2010), Nr. 6 [15.06.2010], URL: http:\/\/www.sehepunkte.de\/2010\/06\/15970.html Als sich Denis Diderot in der Correspondance litt\u00e9raire \u00fcber die \u201emaudite race [\u2026] des amateurs\u201c echauffierte, polemisierte er gegen eine sich seit der Mitte des 18. 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