{"id":732,"date":"2019-08-01T17:26:15","date_gmt":"2019-08-01T15:26:15","guid":{"rendered":"http:\/\/frederic.bussmanns.eu\/blog\/?p=732"},"modified":"2019-09-27T23:02:53","modified_gmt":"2019-09-27T21:02:53","slug":"henrike-naumann-ddr-noir-schichtwechsel","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/frederic.bussmanns.eu\/blog\/henrike-naumann-ddr-noir-schichtwechsel\/","title":{"rendered":"Henrike Naumann, DDR Noir. Schichtwechsel"},"content":{"rendered":"<p>Max-Pechstein-Preis, Zwickau 2019<\/p>\n<p>Der Titel von Henrike Naumanns Rauminstallation <em>DDR Noir. Schichtwechsel<\/em> referiert auf den <em>Film noir<\/em>, mit dem vornehmlich die amerikanischen Kriminalfilme der 1940er und 1950er Jahre bezeichnet wurden, gepr\u00e4gt durch eine desillusionierte Weltsicht und deprimierte, verbitterte Typen, viel Schatten, starke Schwarz-Wei\u00df-Kontraste und h\u00e4ufige R\u00fcckblenden. Verbunden mit der DDR, stellt sich bei mir eine Kette an Assoziationen ein: d\u00fcstere Landschaften, vom Tagebau erodiert, graue und giftige Luft, verschmierte und dreckige Gesichter von Bergwerksarbeitern, Familiendramen und Enge. (Bilder, die sich durchaus auch mit bestimmten Regionen Westdeutschlands wie dem Ruhrgebiet einstellen k\u00f6nnten.) Ein solcher R\u00fcckblick auf die DDR \u2013 bei mir klischeehaft beladen, aus pers\u00f6nlicher Unkenntnis gespeist, bei Henrike Naumann aus der pers\u00f6nlichen Erinnerung, dem eigenen Erleben als Kind, Erz\u00e4hlungen der Familie und vornehmlich Schwarz-Wei\u00df-Fotografien heraus \u2013 ist Thema ihrer Auseinandersetzung mit der DDR und der Nachwendezeit (\u201eSchichtwechsel\u201c) in dieser Ausstellung, die nun im Rahmen des Max-Pechstein-Preises in Zwickau gezeigt wird.<\/p>\n<p>Die Pr\u00e4sentation geht zur\u00fcck auf eine Ausstellung, die Henrike Naumann in der Galerie im Turm am Frankfurter Tor in Berlin, der ehemaligen Galerie des Verbands Bildender K\u00fcnstler der DDR, 2018 gezeigt hat. Hier kombinierte sie Mobiliar der Nachwendezeit mit Gem\u00e4lden von Karl Heinz Jakob (1929\u20131997) aus den sp\u00e4ten 1950er und 1960er Jahren. Jakob ist der Gro\u00dfvater von Henrike Naumann und war in der DDR ein angesehener Maler. Die gezeigten Gem\u00e4lde kommen aus dem Fundus der kurz zuvor verstorbenen Gro\u00dfmutter Sigrid Jakob, Ehefrau des Malers, die auf eine eigene k\u00fcnstlerische Karriere zugunsten des Ehemanns und der Familie verzichtete. Angeregt zur Ausstellung wurde Henrike Naumann durch den Ort selbst, der aufgrund der exponierten Lage an der Karl-Marx-Allee in Ost-Berlin eine wichtige Galerie des offiziellen K\u00fcnstlerverbandes war, dem auch ihr Gro\u00dfvater angeh\u00f6rte. Zusammen mit ihrer Performance in der ehemaligen Stasizentrale in Berlin \u2013 einem Versuch, \u00fcber \u201eexperimentelle Musik ein alternatives Kommunikationssystem zum Sprechen \u00fcber Stasi und Opposition zu entwickeln\u201c (Henrike Naumann) \u2013 und den Ausstellungen <em>Ostalgie<\/em> in der Galerie KOW Berlin bzw. <em>Urgesellschaft<\/em> in dem von den Kunstsammlungen Chemnitz initiierten Chemnitz Open Space 2019 \u2013 zur ostdeutschen Identit\u00e4t und dem Blick auf DDR und Vereinigung heute \u2013 ist <em>DDR Noir<\/em> Teil einer sehr pers\u00f6nlichen Trilogie \u00fcber die DDR, das Erbe der DDR und ihre Rezeption heute, aber auch \u00fcber die ideologische Bewertung von Kunst, der Rolle des eigenen Gro\u00dfvaters und zugleich eine Reflexion ihrer eigenen Rolle als K\u00fcnstlerin heute.<\/p>\n<p>Karl Heinz Jakob war ein in der DDR geachteter Maler, dessen Sujets sich aus dem Bereich der Werkt\u00e4tigen und Arbeiter, wie von der offiziellen Kulturpolitik gew\u00fcnscht, aber auch aus den Zeichenzirkeln sowie dem famili\u00e4ren Umfeld speisten. Jakob, dessen Gro\u00dfvater Bergarbeiter in Zwickau war, hatte dort von 1949 bis 1951 an der Mal- und Zeichenschule gelernt, war dann an die Kunstakademie in Dresden gewechselt, wo er bei Erich Fraa\u00df, Wilhelm Lachnit und Rudolf Bergander studierte und 1955 sein Diplom erhielt. Auch vor dem Hintergrund der kulturpolitischen Ausrichtung nach der Bitterfelder Konferenz von 1959 zur Ann\u00e4herung von Kulturschaffenden und Arbeiterschaft (\u201eGreif zur Feder, Kumpel!\u201c) wurde er Ende der 1950er Jahre beauftragt, ein monumentales Wandbild mit dem Titel <em>Mechanisierung der Landwirtschaft <\/em>f\u00fcr den Plenarsaal des Rat des Bezirks Karl-Marx-Stadt (eigentlich dem Kammersaal der IHK Karl-Marx-Stadt) zu malen, das er 1960\u20131961 ausf\u00fchrte. Heute wird das Wandbild durch eine Trockenbauwand vor den Augen der \u00d6ffentlichkeit in Chemnitz verborgen. Seit 1954, als er den Max-Pechstein-Preis der Stadt Zwickau zum ersten Mal bekam, \u00fcber die mehrfache Auszeichnung mit dem Kunstpreis des Bezirks Karl-Marx-Stadt und des FDGB, dem Kunstpreis der DDR, dem Vaterl\u00e4ndischen Verdienstorden in Gold bis hin zur erneuten Auszeichnung mit dem Max-Pechstein-Preis der Stadt Zwickau 1985, wurde Jakob mit den wichtigsten lokalen und nationalen Preisen und Ehrungen der DDR ausgezeichnet. Seine Malerei folgte einer dem Menschen verpflichteten Auffassung, h\u00e4ufig in sensiblen Portraitdarstellungen, die den Anforderungen realistischer Kunst gen\u00fcgen konnte, aber in der Nachfolge seines Lehrers Wilhelm Lachnit durchaus die N\u00f6te der ihm vertrauten arbeitenden Bev\u00f6lkerung schilderte, sie nicht als Vertreter einer abstrakten Klasse begriff, sondern als individuelle Menschen.<\/p>\n<p>In ihrer Berliner Ausstellung platzierte Henrike Naumann die im Familienbesitz befindlichen Portraits der Familienmitglieder, aber auch Gruppen- und Feldszenen und Arbeiterdarstellungen, zusammen mit M\u00f6beln und Inneneinrichtung aus den fr\u00fchen 1990er Jahren, die ihr aus formalen oder inhaltlichen bzw. ikonographischen Gr\u00fcnden passend erschienen und die dem Mobiliar des Memphis-Stils der 1980er Jahre nachempfunden sind. Als Memphis-Stil, nach der Mail\u00e4nder Design-Gruppe Memphis benannt, wurde der Bruch mit dem Funktionalismus der Moderne bezeichnet, den sich die Gruppe auf die Fahnen geschrieben hatte. So h\u00e4ngt Henrike Naumann ein Kinderportrait ihrer Mutter an ein Garderobengitter, das von einem stilisierten Sandm\u00e4nnchen und einer Mickey Mouse, einem rosafarbenen Badehocker und entsprechendem Badvorleger begleitet wird. Besonders eindrucksvoll ist das Portrait eines Bergarbeiters mit Helm (<em>Zwickauer Kumpel<\/em>, 1960), dessen k\u00f6rperliche und vielleicht auch seelische Ersch\u00f6pfung im Gesicht und besonders in den m\u00fcden aber offenen Augen ablesbar ist. Die K\u00fcnstlerin setzt das Gem\u00e4lde mit einer schwarz lackierten Bargarnitur mit Spiegeln, Goldverzierung und Hocker, aber auch einer goldenen Lampe mit den Bergbausymbolen Schl\u00e4gel und Eisen in den Dialog. Aus heutiger Sicht w\u00fcrde man hier wohl eher von schlechtem Geschmack sprechen angesichts des Mobiliars, das auf vordergr\u00fcndige Weise Luxus und Exklusivit\u00e4t suggerieren sollte, dabei aber doch recht billig daherkommt. Dem Gem\u00e4lde <em>Zwei sitzende B\u00e4uerinnen <\/em>stellt sie ein verspieltes gezacktes B\u00fccherbrett an die Seite, das den Bildhorizont auf der Wand fortf\u00fchrt. Die Vorstudien zu Jakobs <em>Konzerteinf\u00fchrung <\/em>hat sie in der Vitrine eines dunklen Wohnzimmerschranks arrangiert \u2013 fast, als seien sie unter Verschluss gehalten, schlie\u00dflich wurde das ausgef\u00fchrte Gem\u00e4lde auf der 5. Deutschen Kunstausstellung in Dresden gezeigt und in einer westdeutschen Publikation von dem Bundesministerium f\u00fcr gesamtdeutsche Fragen \u00fcber die politische Kunst in der DDR als Beispiel einer sozialistischen Nicht-Kunst abgewertet, was sie zur Auseinandersetzung mit der Ideologisierung der Kunstbetrachtung hier f\u00fchrte. Sie erschafft hier eine imaginierte Wohnungseinrichtung mit Badezimmerinterieurs, Wohn- und Esszimmer, Bar und Kinderzimmer. Teppiche, Sessel, geschwungene Bibliotheken mit der B\u00fcste des Portraits vom Gro\u00dfvater, Gardinen, Uhren, Sportger\u00e4te und vieles mehr wurden von Henrike Naumann raumumfassend mit der Malerei ihres Gro\u00dfvaters in Szene gesetzt. Das Mobiliar hat sie auf Ebay von Privathaushalten erworben; es k\u00f6nnte aus westdeutschen Haushalten ebenso stammen wie aus ostdeutschen, steht aber f\u00fcr sie f\u00fcr die besondere Umbruchsituation nach der Vereinigung der beiden deutschen Staaten, als vor allem auf dem ehemaligen Gebiet der DDR der Systemwechsel auch \u00e4sthetisch und in der Inneneinrichtung vollzogen wurde. Scheinbarer Wohlstand, Konsum und \u00dcberfluss zog in viele Haushalte ein. Der Funktionalismus der DDR-M\u00f6bel wurde von vielen ihrer Nachbarn unmittelbar nach der Einf\u00fchrung der D-Mark ersetzt durch neue Westm\u00f6bel, die mehr Platz lie\u00dfen f\u00fcr die individuelle Suche nach Gl\u00fcck, Hedonismus und Erfolg jenseits des Kollektivs. Nichts ist unm\u00f6glich, erfinde Dich neu! Parallel dazu kam es zum Ausverkauf der DDR, zu dem nicht nur die Treuhand, die Wirtschafts- und W\u00e4hrungspolitik, sondern auch das Konsumverhalten der ehemaligen DDR-B\u00fcrger beitrugen.<\/p>\n<p>Henrike Naumann setzt in der Pr\u00e4sentation <em>DDR Noir<\/em> auf den ersten Blick eine sehr pers\u00f6nliche Auseinandersetzung mit der eigenen Familiengeschichte und den Gro\u00dfeltern in Szene. F\u00fcr Naumann bildet diese pers\u00f6nliche Seite allerdings nur einen Zugang zu weitaus gr\u00f6\u00dferen und allgemeineren gesellschaftlichen Fragen, die sie zum Leben in der DDR, die Kunst in der DDR bzw. die K\u00fcnstlerexistenz in der DDR, die K\u00fcnstlerf\u00f6rderung damals, aber auch heute, den Abh\u00e4ngigkeiten und die Frage der Auftragsarbeit, damals wie heute stellt. Sie fragt aber auch nach dem Umgang mit dem Erbe der DDR, der Wendezeit und dem komplexen und ambivalenten Vorgang des Beitritts der DDR zum Geltungsbereich des (west-) deutschen Grundgesetzes und dem Blick heute auf diesen Prozess, den sie noch lange nicht gen\u00fcgend aufgearbeitet oder gar abgeschlossen sieht. Ein weites Feld, f\u00fcr das sie keineswegs systematisch und wissenschaftlich, sondern assoziativ und \u00e4sthetisch vorgeht, um aus der famili\u00e4ren Erfahrung heraus einen neuen Zugang jenseits von abstrakten Vorstellungen anzubieten. Durch die anachronistische und direkte Konfrontation v\u00f6llig unterschiedlicher \u00e4sthetischer Ans\u00e4tze wie der Malerei der sp\u00e4ten 1950er und fr\u00fchen 1960er Jahre sozialistisch-ostdeutscher Pr\u00e4gung und dem kapitalistisch-postmodernen Mobiliar westdeutscher Einrichtungsh\u00e4user entstehen Assoziationsketten und Br\u00fcche, die auf k\u00fcnstlerische Weise die ganze Spannweite der angedachten Bez\u00fcge in einer raumgreifenden Installation erfahrbar machen und zur Reflexion dar\u00fcber einladen. Henrike Naumann inszeniert hier den vielleicht gr\u00f6\u00dftm\u00f6glichen Kontrast zweier \u00e4sthetischer Regime, die auf den zweiten Blick aber vielleicht gar nicht so kontr\u00e4r zueinander sind wie sie erscheinen. Das Nachwendemobiliar tr\u00e4gt das Versprechen auf eine positive Zukunft in sich, Imitate des Gl\u00fccks, ein Simulacrum bl\u00fchender Landschaften im h\u00e4uslichen Miniformat. Das l\u00e4sst sich auch f\u00fcr die Rolle sagen, die der Kunst von DDR-Kulturpolitikern zugeschrieben wurde, als die des optimistischen Ausdrucks des Versprechens auf ein gleiches und gl\u00fcckliches Lebens im Sozialismus. So umgeben wir uns mit Wunschbildern, die aus unterschiedlichen ideologischen und politischen Systemen gespeist sind, die aber gemein haben, dass wir als Konsumenten von Kunst und Design unsere Hoffnungen und W\u00fcnsche darauf projizieren. Zugleich sind wir eingebunden in die uns umgebenden \u00e4sthetischen Regime, von denen wir uns in der Regel nur schwer emanzipieren k\u00f6nnen. Der \u201e\u00e4sthetische Clash\u201c (Henrike Naumann) zwischen den Systemen und Generationen l\u00e4sst bei aller visuellen Dissonanz \u00fcber vermeintliche Geschmacks- und Systemgrenzen und Epochenwechsel hinweg Kontinuit\u00e4ten erkennen. Die Installation tr\u00e4gt dazu bei, nicht einseitig zwischen \u201aregimetreu\u2018 und \u201aoppositionell\u2018 unterscheiden zu wollen, sondern den Blick auf die DDR in all ihrer Ambiguit\u00e4t und Widerspr\u00fcchlichkeit zuzulassen und sich der ideologischen Bedingtheit des eigenen Blicks bewusst zu werden.<\/p>\n<div class=\"wp-block-pdfemb-pdf-embedder-viewer\"><a href=\"https:\/\/frederic.bussmanns.eu\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/07\/Naumann_DDR-Noir-Zwickau2018-Bussmann.pdf\" class=\"pdfemb-viewer\" style=\"\" data-width=\"max\" data-height=\"max\" data-toolbar=\"bottom\" data-toolbar-fixed=\"off\">Naumann_DDR-Noir-Zwickau2018-Bussmann<\/a><\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Max-Pechstein-Preis, Zwickau 2019 Der Titel von Henrike Naumanns Rauminstallation DDR Noir. 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