{"id":751,"date":"2019-08-01T08:08:59","date_gmt":"2019-08-01T06:08:59","guid":{"rendered":"http:\/\/frederic.bussmanns.eu\/blog\/?p=751"},"modified":"2020-11-19T08:09:42","modified_gmt":"2020-11-19T07:09:42","slug":"interview-freie-presse-chemnitz","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/frederic.bussmanns.eu\/blog\/interview-freie-presse-chemnitz\/","title":{"rendered":"Interview Freie Presse, Chemnitz"},"content":{"rendered":"<p class=\"western\"><span style=\"font-family: Arial, sans-serif;\"><span style=\"font-size: small;\">Freie Presse: Herr Bu\u00dfmann, es scheint, als h\u00e4tten Kunstmuseen vor allem mit gro\u00dfen Gem\u00e4ldeschauen wie etwa ihrer David\u2011Schnell\u2011Ausstellung Erfolg. Was macht denn gerade Gem\u00e4lde so \u00fcberaus attraktiv? <\/span><\/span><\/p>\n<p class=\"western\"><span style=\"font-family: Arial, sans-serif;\"><span style=\"font-size: small;\">Fr\u00e9d\u00e9ric Bu\u00dfmann: Ich wei\u00df nicht, ob das so ist. Unsere Bauhaus\u2011Textil\u2011Ausstellung l\u00e4uft zum Beispiel auch sehr gut. Es gibt im Augenblick durchaus auch eine R\u00fcckbesinnung auf das K\u00fcnstlerisch-Handwerkliche. Aber klar, die Malerei gilt nach wie vor als K\u00f6nigsdisziplin der K\u00fcnste. Vielleicht nicht unbedingt immer zurecht, ein Gem\u00e4lde ist ja nicht zwangsl\u00e4ufig auch k\u00fcnstlerisch immer das Interessanteste. Andererseits gibt es aber auch viele wirklich sehr gute Malerinnen und Maler. Wir werden im Herbst im Museum Gunzenhauser eine Ausstellung zeigen, 53 Positionen, K\u00fcnstlerinnen und K\u00fcnstler zwischen 30 und 40 Jahren jeweils mit zwei, drei Gem\u00e4lden, die wir zeitgleich mit Bonn und Wiesbaden pr\u00e4sentieren. Das hei\u00dft, wenn man alle drei Ausstellungen anschaut, sieht man dieselben K\u00fcnstlerinnen und K\u00fcnstler mit immer unterschiedlichen Werken, insgesamt etwa 150 Gem\u00e4lden. Das ist ein Riesenprojekt, das einen Blick ins Labor der heutigen Malergeneration \u00f6ffnen wird.<\/span><\/span><\/p>\n<p class=\"western\"><span style=\"font-family: Arial, sans-serif;\"><span style=\"font-size: small;\">Erleichtert Malerei den Zugang zur Kunstbetrachtung?<\/span><\/span><\/p>\n<p class=\"western\"><span style=\"font-family: Arial, sans-serif;\"><span style=\"font-size: small;\">Nicht unbedingt, aber als Betrachter sind wir Malerei vielleicht am ehesten gew\u00f6hnt. Meiner Meinung nach ist es die Aufgabe eines Museums, auch etwas ungewohntere K\u00fcnste zu zeigen. Das Gesagte w\u00fcrde ich gern am Beispiel der &#8222;M+M&#8220;\u2011Ausstellung in den Kunstsammlungen am Theaterplatz erl\u00e4utern. Zu sehen ist in der Ausstellung bis zum 22. September 2019 vorrangig Video\u2011 und Installationskunst. L\u00e4sst man sich darauf ein, sind das Kunstformen, die auch sehr zug\u00e4nglich sein k\u00f6nnen. Aber f\u00fcr den Rundgang ist Zeit n\u00f6tig. An Gem\u00e4lden kann man auch mal mit einem k\u00fcrzeren Blick vorbeischlendern. Nimmt man sich die Zeit, k\u00f6nnen zum Beispiel Rauminstallationen eindringlicher sein als Gem\u00e4lde. In den &#8222;Panic\u2011Room Chemnitz&#8220; von M+M kann man sich gut einf\u00fchlen. Man kann das aber nicht verallgemeinern, es h\u00e4ngt immer von der Qualit\u00e4t der einzelnen Arbeiten ab.<\/span><\/span><\/p>\n<p class=\"western\"><span style=\"font-family: Arial, sans-serif;\"><span style=\"font-size: small;\">Sehen Sie in solchen Schauen eine Chance auf junges Publikum?<\/span><\/span><\/p>\n<p class=\"western\"><span style=\"font-family: Arial, sans-serif;\"><span style=\"font-size: small;\">Das ist der Wunsch, ja. Wir m\u00fcssen als Museum ein breites Publikum ansprechen. Neue Kunstformen richten sich an Besucher, die man mit Gem\u00e4lden nicht unbedingt lockt, die eher medienaffin sind und sich in Installationen, Fotografie oder Videokunst wiederfinden.<\/span><\/span><\/p>\n<p class=\"western\"><span style=\"font-family: Arial, sans-serif;\"><span style=\"font-size: small;\">Sie finden, die Instagram\u2011Generation hat bereits \u00fcber ihre modernen Medien einen recht guten Zugang zu Kunst?<\/span><\/span><\/p>\n<p class=\"western\"><span style=\"font-family: Arial, sans-serif;\"><span style=\"font-size: small;\">Nat\u00fcrlich ist nicht jeder Instagram\u2011Post schon Kunst. Oft ist das erstmal nur eine visuelle Auseinandersetzung mit der Umwelt. Aber als Beuys gesagt hat, jeder Mensch sei ein K\u00fcnstler, meinte er ja nicht, dass alles bereits Kunst ist, was Menschen machen. Sondern, dass in jedem Menschen in seinem Sinne kreatives Potenzial steckt. Die meisten Instagram\u2011Nutzer haben gar nicht den Anspruch, Kunst zu machen. Trotzdem erh\u00f6ht so ein Medium auf jeden Fall die \u00e4sthetische Auseinandersetzung mit ihrer Umwelt. Jedes Foto erfordert \u00dcberlegungen zum Motiv, zur Umsetzung, zur Darstellung, auch zur Rezeption. Das finde ich gut. Abgesehen davon gibt ja auch gar keine klare Definition f\u00fcr Kunst, die Grenzen sind flie\u00dfend.<\/span><\/span><\/p>\n<p class=\"western\"><span style=\"font-family: Arial, sans-serif;\"><span style=\"font-size: small;\">Sie sind angetreten mit dem Anspruch, das Museum zu \u00f6ffnen, neue Formen anzubieten. Wenn man aber eine T\u00fcr \u00f6ffnet, wird sie ja nicht automatisch auch durchschritten. Braucht das Museum Impulse von au\u00dfen wie etwa den Kosmos Chemnitz?<\/span><\/span><\/p>\n<p class=\"western\"><span style=\"font-family: Arial, sans-serif;\"><span style=\"font-size: small;\">Der Kosmos Chemnitz hat eine andere Zielsetzung, entspricht aber im Prinzip dem, was wir sowieso machen: den Dialog mit der Stadt zu f\u00f6rdern. Wir gehen mit dem Museum bereits in den Stadtraum rein, mit dem Chemnitz Open Space am Nischel, oder aber mit dem Kunstwochenende zum Thema Wendungen am 28. und 29. September, das wir gemeinsam mit Vereinen und Galerien in Chemnitz organisieren. Aber, ja, es ist gut, wenn noch mehr ins Museum kommen. Da war der &#8222;Kosmos&#8220; einfach eine tolle Sache, es waren sehr viele sehr junge Menschen bei uns im Haus. Das hat mich gefreut. Ich hoffe, sie haben beim Besuch der Bands, die hier gespielt haben, auch mal nach rechts und links geschaut und gemerkt: Man kann in die Kunstsammlungen reingehen, ohne dass es wehtut. Sehr gefreut habe ich mich auch, dass das Autorengespr\u00e4ch mit Prof. Ziblatt \u201eWie Demokratien sterben\u201c bei uns im Haus viele Zuh\u00f6rer hatte. <\/span><\/span><\/p>\n<p class=\"western\"><span style=\"font-family: Arial, sans-serif;\"><span style=\"font-size: small;\">Warum sind denn die Schwellen vor einem Kunstmuseum oft immer noch so hoch?<\/span><\/span><\/p>\n<p class=\"western\"><span style=\"font-family: Arial, sans-serif;\"><span style=\"font-size: small;\">Erst einmal hat so ein Haus ja schon allein als Bau eine gewisse W\u00fcrde, die durchaus auch einsch\u00fcchternd wirken kann. Insofern m\u00fcssen wir schauen, wie wir noch mehr Angebote machen k\u00f6nnen, die das lindern. Zum anderen muss man aber auch damit leben, dass eben nicht jeder ins Museum gehen will.<\/span><\/span><\/p>\n<p class=\"western\"><span style=\"font-family: Arial, sans-serif;\"><span style=\"font-size: small;\">Sie haben vor einiger Zeit die Videoinstallation &#8222;Again \/ Noch einmal&#8220; des Dresdner K\u00fcnstlers Mario Pfeifer zur Fl\u00fcchtlingsthematik, zusammen mit seiner Videoarbeit \u201e\u00dcber Angst und Bildung\u201c, gezeigt. Das waren rund zehn Stunden Filmmaterial. Haben heutige Besucher \u00fcberhaupt so viel Zeit?<\/span><\/span><\/p>\n<p class=\"western\"><span style=\"font-family: Arial, sans-serif;\"><span style=\"font-size: small;\">Ich wei\u00df nicht, ob die Leute weniger Zeit f\u00fcr Kunst haben. Sie sind durch die konstante Nutzung des Internets stark auf schnell konsumierbare Inhalte fokussiert. Da kostet es durchaus erstmal etwas Anstrengung, Lust und Energie, um umzuschalten und sich auf eine andere, auch langsamere Betrachtungsweise einzulassen. Ein Museumsraum ist da durchaus vergleichbar mit einem Kirchenraum: Man ist mit sich selbst besch\u00e4ftigt, muss sich einerseits auf eine Sache konzentrieren, kann andererseits aber auch die Gedanken schlendern lassen. So etwas wird durch unseren Alltag nicht gerade gef\u00f6rdert.<\/span><\/span><\/p>\n<p class=\"western\"><span style=\"font-family: Arial, sans-serif;\"><span style=\"font-size: small;\">Andererseits scheint es da ja gro\u00dfen Bedarf ja zu geben: Gef\u00fchlt jeder geht heute zum Yoga &#8230;<\/span><\/span><\/p>\n<p class=\"western\"><span style=\"font-family: Arial, sans-serif;\"><span style=\"font-size: small;\">Deshalb bieten wir tats\u00e4chlich auch Yoga im Museum an. Museen sind Orte, die dem Funktionalismus des Alltags entzogen sind. Da kann man eine andere Welt betreten. Ich finde, es ist unsere Aufgabe, das als bereicherndes Angebot im t\u00e4glichen Leben darzustellen, und nicht als eine Art &#8222;Bildungspflicht&#8220;.<\/span><\/span><\/p>\n<p class=\"western\"><span style=\"font-family: Arial, sans-serif;\"><span style=\"font-size: small;\">Ein Effekt, den viele ja aus dem Urlaub gut kennen: Da erf\u00e4hrt man im Museen genau das &#8230;<\/span><\/span><\/p>\n<p class=\"western\"><span style=\"font-family: Arial, sans-serif;\"><span style=\"font-size: small;\">Ja, und das ergibt eine Schere: Die erfolgreichen Museen in den gro\u00dfen St\u00e4dten wie Berlin, M\u00fcnchen oder Dresden werden nach wie vor zu einem gro\u00dfen Teil von Touristen besucht. <\/span><\/span><span style=\"font-family: Arial, sans-serif;\"><span style=\"font-size: small;\">Museum, das scheint bei vielen eben nur im Urlaub interessant zu sein, das passt scheinbar nicht gut in den Alltag. Chemnitz ist aber keine stark touristische Stadt \u2011 man muss ausdr\u00fccklich wegen einer Ausstellung herkommen wollen.<\/span><\/span> <span style=\"color: #000000;\"><span style=\"font-family: Arial, sans-serif;\"><span style=\"font-size: small;\">Zugleich nehme ich die <\/span><\/span><\/span><span style=\"color: #000000;\"><span style=\"font-family: Arial, sans-serif;\"><span style=\"font-size: small;\">Chemnitzerinnen und Chemnitzer als interessiert am Ausstellungsprogramm wahr. Sie, und vor allem auch die Mitglieder der beiden Freundeskreise unserer Museen, kommen regelm\u00e4\u00dfig in die Ausstellung und zu Veranstaltungen. Mein Bestreben ist es, durch attraktive Programme noch mehr Besucher ans Haus zu binden. <\/span><\/span><\/span><\/p>\n<p class=\"western\"><span style=\"font-family: Arial, sans-serif;\"><span style=\"font-size: small;\">Und dazu braucht man erfahrungsgem\u00e4\u00df die so genannten Blockbuster\u2011Schauen?<\/span><\/span><\/p>\n<p class=\"western\"><span style=\"font-family: Arial, sans-serif;\"><span style=\"font-size: small;\">Ich halte es f\u00fcr sehr wichtig, Ausstellungen zu machen, die auch gro\u00dfes Interesse generieren. Aber die Besucherzahlen sind nicht das alleinige Kriterium f\u00fcr museale Arbeit. Wir m\u00fcssen sehen, dass die k\u00fcnstlerische Qualit\u00e4t stimmt, und im Idealfall treffen wir damit auch den Nerv der Besucher. Das hat mit Themensetzungen und Bekanntheit der Pers\u00f6nlichkeiten, aber auch mit Marketing und im Lokalen stark mit Vermittlung zutun: Wie sprechen wir die Leute an? Wie holen wir sie ins Haus? Viele Faktoren haben Einfluss auf den Erfolg. Und man darf nat\u00fcrlich nicht vergessen, dass viele andere Museen wie etwa das Barberini in Potsdam da andere M\u00f6glichkeiten haben als wir.<\/span><\/span><\/p>\n<p class=\"western\"><span style=\"font-family: Arial, sans-serif;\"><span style=\"font-size: small;\">Zum Beispiel?<\/span><\/span><\/p>\n<p class=\"western\"><span style=\"font-family: Arial, sans-serif;\"><span style=\"font-size: small;\">Mehr Mittel f\u00fcr gro\u00dfe Ausstellungen. Ein Problem f\u00fcr alle Museen weltweit, besonders aber f\u00fcr die mittleren bis kleineren, sind die steigenden Kosten f\u00fcr solchen Veranstaltungen. Das h\u00e4ngt unter anderem damit zusammen, dass sich der Wert von Kunstwerken in den letzten Jahren vervielfacht hat. Das f\u00fchrt unter anderem dazu, dass Transport- und Versicherungskosten sehr gestiegen sind: Bei gro\u00dfen Namen muss man schnell bis zu 200.000 Euro allein f\u00fcr die Versicherung einer Ausstellung bezahlen, etwa f\u00fcr die Teilrekonstruktion der Galerie der Moderne hier in Chemnitz, die wir in der Jubil\u00e4umsausstellung der Kunstsammlungen im kommenden Jahr zeigen wollen. Diesen Betrag zahlt man nur, um die Werke \u00fcberhaupt ins Haus holen zu d\u00fcrfen. Weitere Kosten entstehen durch Transporte, konservatorische Betreuung, Katalog, Ausstellungsarchitektur und Bewerbung der Pr\u00e4sentation. F\u00fcr sehr gro\u00dfe Ausstellungen ist unsere finanzielle Ausstattung sehr limitiert. Gr\u00f6\u00dfere H\u00e4user haben dabei nat\u00fcrlich den Vorteil, dass sie selbst im Gegenzug lukrative Werke f\u00fcr Blockbuster\u2011Ausstellungen verleihen k\u00f6nnen, ohne dass dies in der Sammlungspr\u00e4sentation zu gro\u00dfen L\u00fccken f\u00fchrte. <\/span><\/span><\/p>\n<p class=\"western\"><span style=\"font-family: Arial, sans-serif;\"><span style=\"font-size: small;\">Im n\u00e4chsten Jahr bestehen die Kunstsammlungen Chemnitz 100 Jahre. Eine Chance f\u00fcr einen gro\u00dfen Aufschlag?<\/span><\/span><\/p>\n<p class=\"western\"><span style=\"font-family: Arial, sans-serif;\"><span style=\"font-size: small;\">Auf jeden Fall. Wir bereiten eine umfassende Ausstellung und eine gro\u00dfe wissenschaftliche Publikation vor, zur Geschichte des Hauses und auch zur kulturellen Wechselwirkung des Museums mit der Stadt, aber auch mit anderen St\u00e4dten. Dass Chemnitz in den 20er Jahren zu den f\u00fchrenden Museen der Moderne geh\u00f6rt hat, wird ja oft betont, wir wollen diesem spannenden Fakt nun ein Gesicht geben. Wir wollen den ganzen Reichtum der Sammlung pr\u00e4sentieren, die ja die Sammlung der Chemnitzer B\u00fcrgerinnen und B\u00fcrger ist, sowohl die bekannten H\u00f6hepunkt als auch Dinge, die man noch entdecken kann. <\/span><\/span><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Freie Presse: Herr Bu\u00dfmann, es scheint, als h\u00e4tten Kunstmuseen vor allem mit gro\u00dfen Gem\u00e4ldeschauen wie etwa ihrer David\u2011Schnell\u2011Ausstellung Erfolg. Was macht denn gerade Gem\u00e4lde so \u00fcberaus attraktiv? Fr\u00e9d\u00e9ric Bu\u00dfmann: Ich wei\u00df nicht, ob das so ist. Unsere Bauhaus\u2011Textil\u2011Ausstellung l\u00e4uft zum Beispiel auch sehr gut. Es gibt im Augenblick durchaus auch eine R\u00fcckbesinnung auf das K\u00fcnstlerisch-Handwerkliche. Aber klar, die Malerei gilt nach wie vor als K\u00f6nigsdisziplin der K\u00fcnste. Vielleicht nicht unbedingt immer zurecht, ein Gem\u00e4lde ist ja nicht zwangsl\u00e4ufig auch k\u00fcnstlerisch immer das Interessanteste. Andererseits gibt es aber auch viele wirklich sehr gute Malerinnen und Maler. 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