/ Oktober 24, 2024/ Vorträge

24.10.2024, Rathaus Karlsruhe

Meine sehr verehrten Damen und Herren,
sehr geehrter Herr Bürgermeister,
verehrte Gemeinderatsmitglieder,
und vor allem liebe Preisträger:innen: Elisé Wamen, Joachim Kathari und Vertreter(:innen) der Firma Fuller Sanitär!

Haben Sie vielen Dank für die Einladung. Es ist mir eine Freude und Ehre, heute Abend hier anlässlich der Verleihung des Integrationspreises der Stadt Karlsruhe an Sie sprechen zu dürfen!

Ich darf Ihnen sehr herzlich, liebe Preisträger:innen, für die Auszeichnung gratulieren. Das ist ein wichtiges und richtiges Zeichen der Anerkennung. Integration ist Grundlage unseres Zusammenlebens, und Sie tragen dazu bei! Vielen Dank dafür!

Bitte nehmen Sie es mir zugleich nicht übel, wenn ich das Thema Integration in Verbindung bringe mit dem Thema der Migration: Ich finde, dass Integration und Migration es eigentlich nicht ständig im Mittelpunkt unserer öffentlichen Debatten stehen sollten. Denn auf unser To Do-Liste stehen in Deutschland noch ganz andere, objektiv drängendere Themen: der klimaneutrale Umbau unserer Gesellschaft und Wirtschaft, Infrastruktur, Digitalisierung, Bildung und vieles andere mehr. Wichtige Aufgaben überall, da muss vieles getan werden. Aber wenn wir uns die Debatten in der Politik, in den Medien und im Internet anschauen, fokussiert sich fast alles auf ein anderes Themenfeld: nämlich die Frage der sogenannten illegalen Migration, einer völlig undifferenzierten Angst vor „den“ Ausländern, dem angeblichen Missbrauch unserer Sozialsysteme oder vor migrantischer Gewalt, die im Übrigen genauso zu verurteilen ist wie jede andere. Seit Jahren, ja Jahrzehnten haben wir es mit Diskursverschiebungen zu tun, die sich gegen Minderheiten und gegen Neubürger:innen in Deutschland richten. Und diese Sie werden nicht nur von rechtspopulistischer und rechtsextremer Seite betrieben. Es gibt auch unzählige Beispiele, wo inzwischen leider auch Teile der demokratischen Mitte bisweilen rechtsextreme Framings übernimmt. Vielleicht haben Sie vor einem Jahr das erschreckende Titelbild der Wochenzeitschrift DER SPIEGEL gesehen. Dort forderte Bundeskanzler Olaf Scholz laut: „Wir müssen endlich im großen Stil abschieben“. Der SPIEGEL schwärmte dazu von Scholz‘ neuer Härte in der Flüchtlingspolitik. Ich finde, großer Stil sieht anders aus. Diesen Herbst haben die Wahlen in Thüringen, Sachsen und Brandenburg rechtsextreme Parteien auf ein Höchstniveau gebracht; aber auch im Westen sind die Zustimmungswerte hoch, auch im Westen greifen in der Mitte der Gesellschaft Diskriminierung und Xenophobie um sich. Hier ist der Inhalt vielleicht etwas eleganter verpackt, aber nichtsdestotrotz vorhanden. Kein Tag, an dem nicht irgendjemand eine härtere Politik in Migrations- und Flüchtlingsfragen fordert (wie wenig originell). Verstehen Sie mich nicht falsch: Natürlich müssen wir über die Probleme, die Zuwanderung mit sich bringt, offen und selbstkritisch diskutieren, aber angesichts vieler drängender Probleme scheint mir das nicht die zentrale Frage unserer Zeit heute zu sein, nicht die „Mutter aller Probleme“, wie sich Horst Seehofer vor einigen Jahren ausdrückte. Die in Medien und von interessierten Politiker:innen bewusst verbreitete Angst vor der Migration ist aus meiner Sicht selbst zu einem großen, hochrelevanten Problem für unsere Gesellschaft geworden, weil sehr viel dringendere Themen nicht ausreichend angegangen werden.

Erlauben Sie mir hier eine Nebenbemerkung zum Thema Angst, Antisemitismus und Muslime: Natürlich sind die Angriffe auf jüdische Gemeinden hier, antisemitische Äußerungen von Alt- und Neubürgern völlig inakzeptabel. Natürlich wollen wir hier keine Kalifat-Demonstrationen oder Angriffe von Geflüchteten auf andere Menschen mit Messern oder Brandanschlägen. Das geht aber doch einem großen Teil der muslimischen Menschen hier genauso wie nicht-muslimischen! Natürlich muss es klare Vermittlung von Werten und Haltungen, konsequentes Ahnden von Rechtsbrüchen geben, aber die Frage der Einwanderung ist sicherlich nicht die „Mutter aller Probleme“, wie Horst Seehofer sich äußerte, um vom eigenen Versagen abzulenken. Sondern ich sehe sie eher als die Mutter von Lösungen vieler Probleme, auch wenn sicherlich neue Probleme entstehen.

Der Karlsruher Integrationspreis ist dagegen eine hoffnungsvolle Auszeichnung. Er hebt Ihr Engagement hervor und das von vielen weiteren, die zum Zusammenhalt in der Gesellschaft beitragen. Ehrenvoll ist, dass Ihr Tun auf pragmatische Weise eine Schwierigkeit überwindet, die vielen Angstszenarien zugrunde liegt: Sie führen unterschiedliche Menschen zu einem Miteinander zusammen. Und das ist nicht immer einfach, sondern erfordert durchaus Energie und guten Willen, sodass Integration bisweilen auch als anstrengend und lästig empfunden wird. Dabei meinten die Römer noch etwas ganz anders, wenn sie von „integratio“ sprachen: Das Wort, das im 19. Jahrhundert aus dem Lateinischen entlehnt wurde, heißt seiner ursprünglichen Wortbedeutung nach: „Erneuerung“.

Mir gefällt der Gedanke. Offen ist, ob sich die Integrierenden erneuern oder die Integrierten, oder vielleicht beide?

Dieser Wortidee nach ist Integration nicht bloß das Gegenteil von Exklusion und Ausgrenzung, weniger ein Akt von Paternalismus oder eine gönnerhafte Geste gegenüber Fremden, wie sie ja durchaus auch verstanden werden könnte. Wenn wir zurückkommen auf die ursprüngliche Bedeutung der Erneuerung, dann impliziert schon das Wort „Integration“: jede Gesellschaft und jeder einzelne Mensch hat ein ureigenes Interesse daran, eine offene und tolerante Form der Willkommenskultur zu entwickeln. Und im Rahmen unserer liberalen und toleranten Gesellschaftsordnung ist es nicht nur ok, wenn es unterschiedliche Kulturen gibt, verschiedene Sprachen, Religionen, sexuelle Orientierungen, Weltanschauungen und vieles mehr, sondern dies ist eine Bereicherung! Denn durch Vielfalt können wir unser eigenes Denken und unsere eigenen Werte erneuern. Wir können uns selbst erneuern ohne uns aufzugeben und können gemeinsam eine Zukunft entwickeln! Das sollte Integration sein, mit der ich auch an Vielfalt und Toleranz denke.

Der Philosoph Karl Popper meinte: „Wir müssen uns klar werden, dass wir andere Menschen zur Entdeckung und Korrektur von Fehlern brauchen – und sie uns. Insbesondere auch Menschen, die mit anderen Ideen, in einer anderen Atmosphäre aufgewachsen sind. Auch das führt zur Toleranz.“[1]

Durch Begegnung, Integration und Toleranz finden wir zu einer gemeinsamen Zukunft, so meine Hoffnung, in der wir Selbstkritik erlernen können und uns selbst im anderen reflektieren. Das ist das Versprechen einer gelungenen Integration. Und diese Form von Integration kann auf allen Ebenen passieren, auf der unmittelbaren nachbarschaftlichen, auf der kommunalen, aber auch mit Blick in die Geschichte natürlich auf der großen politischen Ebene.

Dafür gibt es viele Beispiele: Sei es die politische Integration Westeuropas nach dem Zweiten Weltkrieg als großes Friedensprojekt; sei es die Integration der damals sogenannten Gast- oder Vertragsarbeiter seit den 1950er Jahren; die Integration des Ostblocks nach dem Fall der Mauer in ein gemeinsames Europa, oder auch die immer noch schleppende Integration von Ost- und Westdeutschen. Integration ist auch die Erkenntnis, dass der Islam zu Deutschland gehört und dass Deutschland ein Einwanderungsland ist, dass wir die Aufnahme von Geflüchteten aus Syrien 2015 ebenso schaffen können wie die von Ukrainer:innen nach dem russischen Angriffskrieg vor zwei Jahren. Wir schaffen das, ja, natürlich, denn wir haben ein ureigenes Interesse, dass wir integrieren und damit uns erneuern und eine gemeinsame Zukunft entwickeln. Was denn sonst? Sollen wir die Grenzen Europas innen und außen dicht machen? Mauern hochziehen? Menschen im Meer ertrinken lassen oder nach Ruanda ausfliegen lassen? Das ist doch völlig unsinnig und unmenschlich!

Aber wer ist in diesem Diskurs eigentlich wir? Wer spricht, wer entscheidet über die Integration, wer stellt die Spielregeln auf ? Wer hat die Handlungsfähigkeit (die man heute als „Agency“ bezeichnet)? Tatsächlich wohnt jedem Integrationsdiskurs immer auch ein Machtdiskurs inne. Birgit Rommelspacher fand in den 1990er Jahren den Begriff „Dominanzkultur“ für eine inoffiziell hierarchisierte Gesellschaft, in der eine Gruppe die Normen und Regeln für alle festlegt. Auf diesem Gebiet hat sich in den letzten Jahren in der Bundesrepublik zum Glück viel getan. Denken Sie etwa an die Frage des Spracherwerbs und der Sprachfähigkeit zur nicht-deutschen Muttersprache. Aber dennoch, wir bewegen uns hier im Bereich von Identitätspolitiken, die in einer postmigrantischen Gesellschaft wie der deutschen für einige autochthone Bevölkerungsschichten offensichtlich eine Herausforderung darstellen. Der Begriff der postmigrantischen Gesellschaft wurde von Wissenschaftlerinnen wie Naika Faroutan der HU Berlin erforscht und beschreibt unter anderem eine Gesellschaft, die nicht nur anerkennt, dass sie eine Einwanderungsgesellschaft ist, sondern sich auch „nachholend“ durchlässiger in ihren „Strukturen, Institutionen und politischen Kulturen“ zeigt, wie Naika Foroutan 2015 schreibt.[2] Eine postmigrantische Gesellschaft ist in einem Prozess des Aushandelns auch bereit, die eigenen Narrative und kulturellen Paradigmen anzupassen. Da ist noch viel zu tun, aber ich sehe durchaus Anzeichen dafür. Ein solcher Prozess der Anpassung kultureller Werte kann als schmerzhaft empfunden werden, wenn die eigenen Werte und Überzeugungen hinterfragt werden. Das betrifft zum Beispiel den mir unangenehmen Hinweis darauf, dass die Aufklärung, auf die wir doch so stolz als ideelle Fundierung unserer neuzeitlichen Demokratien zurückblicken, auch Grundlagen für rassistische Menschenbilder gelegt hat.

Auch kann eine Infragestellung oder Neubewertung der deutschen Erinnerungskultur als schmerzhaft empfunden werden. Der Politikwissenschaftler und Lyriker Max Czollek zum Beispiel sieht in ihnen ein „Erinnerungstheater“ und „Disziplinierungsinstrument“. Czollek hat seine Ansichten zuletzt als Festredner der Muslimischen Kulturtage im Fächer vor einem Monat hier geäußert. Sein Beitrag ist in Teilen durchaus kritisierbar, aber insgesamt richtig, denn er stellt angesichts des Aufstiegs rechtsextremer Parteien und Positionen in Deutschland fest, dass die deutsche Erinnerungskultur in ihrer abstrakten Vorstellung des Lernens aus der Geschichte auch ein Instrument der Selbstentlastung war. Und dass bisweilen diese Erinnerungskultur von rechter Seite heute auch als Instrument der Intoleranz gegenüber Minderheiten und politisch Andersdenkenden genutzt wird.

In einer pluralen Gesellschaft sollte und darf es nicht die eine absolute Wahrheit geben, und das gilt auch für das Beispiel Antisemitismusbekämpfung, wo für die vermeintlich „eine Wahrheit“ bisweilen sogar die Form von Gesetzgebungen bemüht wird. Entsprechend fordert Czollek auch zum Dissens auf auf: „Desintegriert Euch!“

Was macht das mit uns, wenn wichtige Paradigmen wie Aufklärung, Erinnerungskultur oder Integration, die konstitutiv für das Selbstbild unser Gesellschaft und auch meiner eigenen Identität ist, so infrage gestellt werden. Aber ich stelle auch fest: Es ist ein Beitrag zu einer selbstkritischen Infragestellung, wenn Czollek als ostdeutscher und jüdischer Intellektueller dies fordert. Czollek grenzt sich mit solchen Thesen nicht etwa zu muslimischen Kreisen ab. Vielmehr bietet er auch ihnen eine Form von Empowerment an: Seht her, unser aller Individualität und Diversität kann dabei mitwirken, die Gesellschaft zu gestalten. Also: Ja, wir sollten uns solche Debatten gefallen lassen, auch wenn darin Positionen vertreten werden, die nicht alle teilen und die weh tun können. Auch das ist Teil einer Integration auf Augenhöhe.

Entsprechend die Frage: Sollten wir uns nicht stärker um unsere gegenseitige Integration kümmern? Sollten wir nicht unterschiedliche Perspektiven, Haltungen, Kulturen erlernen wollen, die eigene Position auch mal verlernen? Gerade im Verlernen sehen Fachleute einen Schlüssel für einen postkolonialen Ansatz, um unser Verhältnis zum sogenannten globalen Süden neu zu justieren. Erlernte Vorurteile, Wertigkeiten und Klassifikationen von anderen treten dadurch etwas in den Hintergrund. Legt man seinen ideellen Rucksack mal beiseite, kann man sich schneller und eleganter aufeinander zubewegen. Vielleicht sollten wir auch innerhalb Deutschlands uns fragen, ob denn nicht wir von anderen besser integriert werden könnten, ob wir nicht eigentlich integrative Unterstützung brauchen?

Darauf verweist auch Naika Faroutan, wenn sie mit Blick auf die Ersetzung des Begriffs Integration durch Inklusion schreibt: „Es ist leichter, das Wort Integration von der Kopplung an den Begriff der Migration zu lösen und mit seinem ursprünglichen, gesamtgesellschaftlichen Sinn und Ziel zu besetzen, als ein gänzlich neues Wort mit diesen Bedeutungsinhalten zu füllen.“ Zu diesen neuen Bedeutungsinhalten zählt sie dann unter anderem „eine gleichberechtigte ökonomische, rechtliche und politische Partizipation aller Bürger an den zentralen Gütern der Gesellschaft zum Zwecke der Herstellung von Chancengleichheit und des Abbaus von Diskriminierung und Ungleichheit.“[3] Das wären also Ziele, für die wir kämpfen sollten, und dabei nicht vergessen sollten, die intersektionale Diskriminierungen über Gender, Class und Race innerhalb der deutschen und europäischen Gesellschaft zu diskutieren.

Und hier kann gerade der Kulturbereich aus meiner Sicht einen konstruktiven Beitrag zur Integration leisten. Ich schlage hier ausdrücklich nicht eine ominöse deutsche Leitkultur vor. Ich denke vielmehr an die Entwicklung von Verständnis, Empathie, gegenseitiges Lernen und Wertschätzung. (Und damit komme ich also endlich zur Kultur!)

Die Biennale von Venedig, die wohl wichtigste internationale Kunstausstellung weltweit, stand dieses Jahr unter dem Titel „Stranieri Ovunque – Foreigners Everywhere“, Fremde überall. (Der Ausstellungstitel ist dem Werktitel einer Arbeit der Künstlergruppe Claire Fontaine entlehnt.) Große Teile der unterschiedlichen Ausstellungen und Pavillons auf der Biennale waren von queeren, indigenen und postkolonialen Positionen geprägt. In der Kunstszene ist das keine ganz neue Entwicklung. Aber gerade hier fiel das Thema doch noch mal auf. Schließlich ist die Biennale mit ihren unterschiedlichen nationalen Pavillons ursprünglich eine der wichtigsten Ausstellungen nationaler Kunstpräsentation und traditionell doch eher konservativ. Queer bedeutet ursprünglich: fremd; und das, was ehemals als fremd und nicht der Norm entsprechend von der Mehrheitsgesellschaft wahrgenommen wurde, ist hier fast zum neuen Normalen geworden, nicht mehr die Ausnahme. Beim Rundgang durch die Biennale habe ich mich selbst beim Gedanken ertappt, dass ich (als nicht-queerer cis-Mann) an der einen oder anderen Stelle gerne auch stärker integriert worden wäre, mich gerne stärker mitgenommen gefühlt hätte. Auch wenn das jetzt vielleicht ein wenig anbiedernd klingt, aber auch ich fühlte mich fremd, queer. Eine solche Fremdheitserfahrung ist ein wichtiges Element, die in guten Ausstellungen durchaus gelingen kann. Sie regt zum Weiterdenken und zu Empathie an. Wenn Kunst uns Fremdheit erfahren lässt, dann kann sie dadurch integrierend wirken – denn die Fremdheitserfahrung hilft, mehr Empathie für andere Erfahrungshintergründe zu entwickeln und sich selbst im eigenen Denken und Empfinden zu hinterfragen.

Auch im deutschen Pavillon auf der Biennale wurde integriert, aber aus einer postmigrantischen Perspektive heraus: Die in Berlin und Baden-Baden lebende Kuratorin Çagla Ilk hatte zwei Berliner Künstler:innen zu der Ausstellung im Hauptpavillon eingeladen: Yael Bartana und Ersan Mondtag. Bartana ist Jüdin und in Israel geboren, Mondtag stammt als Kind eines türkischen Gastarbeiters aus Berlin.

Schon 1993 hatte Klaus Bußmann die Frage der nationalen Repräsentanz zum Gegenstand des deutschen Beitrags auf der Biennale gemacht, als er auf der ersten Biennale nach der deutschen Wiedervereinigung nicht, wie von ihm erwartet, einen ost- und einen westdeutschen Künstler ausstellte, sondern den in New York lebenden deutschen Künstler Hans Haacke auf der einen Seite und den in New York und in Köln lebenden Koreaner Nam June Paik auf der anderen Seite. Ost und West wurden also global gedacht durch einen Deutschen in den USA und einem Koreaner in Deutschland. Haacke hatte sich kritisch mit dem faschistischen Erbe des Pavillons und mit der deutschen Wiedervereinigung auseinandergesetzt, Paik, der sich als geistiger Gastarbeiter verstand, sich der globalen Medienkultur zugewandt.

Mit dieser Einladung an die israelkritische – und queere – Bartana und an Mondtag, der seine eigene Familiengeschichte zum Thema macht, setzte Çagla Ilk ein klares Zeichen einer Integration, die mit der Dominanzgesellschaft eher kritisch ins Gericht geht. So repräsentierten sehr selbstbewusst zwei ganz unterschiedliche Künstler:innen Deutschland auf dieser international wichtigen Ausstellung.

Unabhängig von der eigentlichen künstlerischen Arbeit finde ich dieses Zeichen durchaus richtig und ermutigend. Eine solche Form der selbstverständlichen Repräsentation Deutschlands durch Vertreter:innen seiner kritischen, vielfältigen und diversen Kunstszene ist aus meiner Sicht ein angemessener Ausdruck einer offenen und emanzipierten Gesellschaft, in der unterschiedliche Stimmen selbst zu Wort kommen. Da kommt die Geste des Bundespräsidenten ein wenig unbeholfen daher, wenn beim Besuch in der Türkei die plurale deutsche Gesellschaft und der Beitrag der türkischen Einwanderung auf einen kulinarischen Beitrag, so gut er auch sei, reduziert wird.

Auch in der deutschen Medienlandschaft gab es so gut wie keine kritischen Stimmen gegenüber der Auswahl auf der Biennale. Insofern erkenne ich hier einen deutlichen Kontrast im Kulturbereich gegenüber den von mir anfangs genannten engstirnigen und xenophoben Debatten im politischen Feld. Leider folgt daraus eine Sache nicht: nämlich dass es im Kulturbereich und in der Kulturberichterstattung nicht auch Diskriminierungen und Rassismen gäbe. Erinnern Sie sich an die drei Oscarnominierungen von Filmen aus Deutschland in diesem Jahr? Presseberichte nannten dabei meist nur zwei Personen namentlich. Im Gegensatz zu Wim Winders und Sandra Hüller blieb der ebenso oscarnominierte Regisseur İlker Çatak oft hinter dem Titel seines Films Das Lehrerzimmer versteckt. Çatak bewertete dieses Verstecken als Rassismus, völlig zu Recht. Aber, so mein Eindruck oder vielleicht die Hoffnung: die Debatten im Bereich der Kunst und Kultur wirken offener und vielleicht auch weiter als in anderen Teilen der öffentlichen Diskurse. Zumindest wünsche ich es mir, dass Kunst und Museen einen konstruktiven Beitrag zur Inklusion und Integration unterschiedlicher Menschen und damit ihren Beitrag zur offenen Gesellschaft leisten, die im Augenblick in so arger Bedrängnis ist.

Ich stehe nun vor Ihnen als Vertreter der Staatlichen Kunsthalle Karlsruhe. Auch wir sind darum bemüht, in einem zugegebenermaßen langsamen Prozess exklusive Muster abzulegen und die Besucher:innenansprache zu öffnen. Bei Museen sehe ich besonders großes Potential für Integrationsarbeit. Denn sie genießen zum einen großes Vertrauen in der Gesellschaft – das hat eine Umfrage des Instituts für Museumsforschung erst jüngst ergeben. Und zum anderen können sie, wie nur wenige andere Orte, integrierend arbeiten, Menschen über ihre jeweiligen sozialen Bubbles und kulturellen Hintergründe hinaus zusammenbringen. Erste Kooperationen haben wir bereits begonnen und freuen uns über weitere Gelegenheiten, unsere Rolle als gesellschaftlicher Akteur und Vermittler erfüllen zu können.

Angebote zu interkulturellen und auch interreligiösen Begegnungen sind fester Bestandteil des Integrationsplans der Stadt Karlsruhe von 2018. Eine Vielzahl von Institutionen, soziokulturellen Zentren und Vereinen, von denen viele hier heute auch versammelt sind, zeugen von dem großen Engagement auf diesem Gebiet. Mein Eindruck ist, dass hier in Karlsruhe sehr viel passiert und es sehr viele Initiativen gibt, die sich konstruktiv um ein gutes Miteinander und eine gute Integration unterschiedlicher Gruppen bemühen. Dafür bin ich sehr dankbar. Die heute auszuzeichnenden Personen und Firmen tragen ebenfalls in ihren Bereichen dazu bei, dass das Miteinander funktioniert, und davor habe ich große Achtung! Trotz der vielen Initiativen hier in Karlsruhe, werden wir vermutlich alle übereinstimmen, dass wir noch lange nicht dort sind, wo wir eigentlich sein wollten und sollten. Auch hier ist noch viel zu tun. Wagen wir also mehr Miteinander, mehr Öffnung, mehr echte Gleichberechtigung!

Aber auch die Öffnung muss Grenzen haben. Wir dürfen das Terrain unserer liberalen Demokratie, nicht den falschen Freunden überlassen.

Meine Damen und Herren, ich komme zum Schluß: Wir feiern dieses Jahr 75 Jahre Grundgesetz. Dies ist nicht nur ein Grund zum Feiern, sondern auch ein Grund, sich über das Wesen von Integration und Chancengleichheit, Teilhabe, Toleranz und Demokratie selbstkritisch Fragen zu stellen, was wir dafür tun können. Ich erinnere nochmal an die hohen Zuspruchswerte für Rechtsradikale und die dazugehörigen Diskursverschiebungen. Ich erinnere auch an undemokratische und intolerante Haltungen von einigen Neubürgern in Deutschland. Ich mache mir große Sorgen, dass die offene Gesellschaft in Gefahr ist. Verstärkte Integrationsbemühungen, ja, absolut! Seien wir tolerant! Umgekehrt darf es aber auch keine falsche Toleranz gegenüber den Feinden der offenen Gesellschaft geben, egal wo diese Feinde herkommen.

Karl Popper hatte die „offene Gesellschaft“ nach den Erfahrungen der kommunistischen und faschistischen Diktaturen unmittelbar nach dem Zweiten Weltkrieg in zwei Bänden analysiert, und er warnte sehr deutlich vor dem Paradox der Toleranz: „Wir sollten […] im Namen der Toleranz das Recht für uns in Anspruch nehmen, die Unduldsamen nicht zu dulden“, schrieb er 1945 in Reaktion auf die totalitären Regime. „Wir sollten geltend machen, dass sich jede Bewegung, die Intoleranz predigt, außerhalb des Gesetzes stellt, und wir sollten eine Aufforderung zur Intoleranz und Verfolgung als ebenso verbrecherisch behandeln wie eine Aufforderung zum Mord, zum Raub oder zur Wiedereinführung des Sklavenhandels.“[4] Den „einzig mögliche[n] Glaube[n] der offenen Gesellschaft“ sieht Popper im „humanitären Glauben […] an die Vernunft, an die Freiheit und an die Brüderlichkeit [wir würden heute sagen: Geschwisterlichkeit] aller Menschen“.

Arbeiten wir also gemeinsam und ohne Rücksicht auf falsche Toleranz an der Vision der offenen Gesellschaft – einer Gesellschaft, die sich selbst beständig erneuert. Unser Grundgesetz ist der kleinste gemeinsame Nenner des Zusammenlebens und vielleicht der stärkste und beste, für den wir gemeinsam einstehen sollten. Völlig unabhängig davon, wo wir herkommen, vereint in einem wehrhaften Verfassungspatriotismus!

Mein Dank und Anerkennung an Sie, Elisé Wamen, Joachim Kathari und Vertreter(:innen) der Firma Fuller Sanitär, dass Sie sich hier so stark einbringen – und ich will hoffen, dass sich viele weitere ebenso dafür einsetzen wollen.

Herzlichen Dank!

[1] Hier nach https://www.swr.de/swrkultur/wissen/der-philosoph-karl-popper-und-die-offene-gesellschaft-100.html

[2] https://www.bpb.de/themen/migration-integration/kurzdossiers/205190/die-postmigrantische-gesellschaft/

[3] https://www.bpb.de/themen/migration-integration/kurzdossiers/205196/brauchen-wir-den-integrationsbegriff-noch/

[4] Karl Popper, Die offene Gesellschaft und ihre Feinde, Tübingen, 2 Bände, hier nach https://www.uibk.ac.at/theol/leseraum/texte/1147.html.

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