13.9.2022
Sehr geehrter Herr Präsident,
sehr geehrter Herr Oberbürgermeister,
liebe Maria Dietel,
liebe rotarischen Freundinnen und Freunde,
heute wird ein „großer Chemnitzer“ mit einer Tafel hier am Roten Turm geehrt. Ein Karl-Chemnitzer, wie er selbst sagen würde, und von dem ich gar nicht so genau weiß, wie er einer solchen Ehrung gegenübergestanden hätte: Karl Clauss Dietel.
Der Rotary Club Chemnitz ehrt Freund Dietel heute mit dieser Platte, die er im Übrigen vor über 10 Jahren selbst entworfen hat. Er wird hier eingereiht in eine lange Liste von 35 Persönlichkeiten, leider vornehmlich nur Männer, die zum Wohle der Stadt Chemnitz sich eingebracht haben und „Großes“ vollbrachten. Es ist, erlauben Sie mir diese Bemerkung, eine etwas aus der Mode gekommene Form, von „großen Persönlichkeiten“ sprechen zu wollen, die so gar nicht in unsere postheroische Zeit passt. Ich finde diese Ehrung aber sehr richtig, es werden hier keine Statuen errichtet – kein Monument wie der hier gegenüberstehende überdimensionalen Kopf von Karl Marx –, sondern es wird ein dezenter Hinweis gegeben. Ein Hinweis zumindest für diejenigen, die auf ihre Umwelt achten, in dem Bewusstsein, dass wir unsere Gegenwart immer auch dem Wirken und Denken von anderen verdanken. „Was Du ererbt von Deinen Vätern hast, erwirb es, um es zu besitzen“, fasste Johann Wolfgang von Goethe eine solche geschichtsbewusste Haltung vor 200 Jahren zusammen. Aus dem Bewußtsein für Geschichte erwächst auch Verantwortung. Und so sollte man meines Erachtens auch diese Ehrung heute verstehen, nicht als Ausdruck von selbstzufriedenem Lokalpatriotismus, sondern als Teil unserer Erinnerungskultur und kritischem Selbstbewusstsein.
Sicher, Clauss Dietel, so wie ich ihn kennengelernt habe, und das ist nicht sehr lange gewesen, war durchaus selbstbewusst, manche sagen auch machtbewusst. Aber ich habe ihn nie als eitel oder großspurig empfunden, sondern es ging ihm immer um die Sache, zu der er Einiges beigetragen hat und Vieles zu sagen wusste. Es ging ihm um die künstlerische Ästhetik der funktionalen Form, der Poesie des Funktionalen. Das war sein Lebensthema, mit dem er sich in der Praxis ebenso wie in der Lehre intensiv auseinandersetzte und für das er vehement stritt. Eine Stadt kann sich glücklich schätzen, einen solchen engagierten und bisweilen auch unbequemen Streiter für die richtige Form in allen Lebensbereichen zu haben. Zu Recht forderte er ein Bewusstsein für Ästhetik und für die Traditionslinien ein, die uns bis heute formen und bis heute beglücken. Er selbst reihte sich in diese Tradition ein, die hier Chemnitz mit Henry van de Velde und Marianne Brandt ihren Anfang nahm.
Clauss Dietel ist zu Anfang des Jahres mit 87 Jahren verstorben. Ein langes Leben, und, so ist es mein Eindruck gewesen, ein erfülltes Leben, das er mit seiner Frau Maria und den Kindern, mit vielen Freunden und Kollegen intensiv führte. In den letzten Monaten ist viel über Dietel geschrieben und gesagt worden, sodass ich nur sehr wenige und kurze biografische Stichworte nennen möchte. 1934 bei Glauchau geboren, absolvierte er unmittelbar nach dem Zweiten Weltkrieg dort eine Lehre als Maschinenschlosser, schrieb sich dann in Zwickau an der Ingenieurschule für Kraftfahrzeugbau ein, wo er bis 1956 war; er ging dann bis 1961 an die Hochschule für angewandte und bildende Kunst in Berlin-Weißensee. Eine wichtige Zeit also, da er sich hier in der Ausbildung von einem Ingenieur mit Spezialisierung Fahrzeugbau hin zu einem offeneren, kreativeren künstlerischen Umfeld bewegte. In diese Zeit fallen wichtige Kontakte und Erfahrungen mit Designern und Formgestaltern der frühen DDR, die wie etwa Mart Stam eine Brücke zur Vorkriegsmoderne wie dem Bauhaus geschlagen hatten.
Der Niederländer Stam hatte in den 1920er und 1930er Jahren mit wichtigen Architekten und Designern der Moderne wie Max Taut, Hans Poelzig, Ludwig Mies van der Rohe und anderen zusammengearbeitet; er war nach dem Krieg zuerst Direktor der Hochschule für Werkkunst in Dresden und dann ab 1950 Direktor in Weißensee, wo er auch mit Marianne Brandt zusammenarbeitete, bevor er 1952 infolge der Formalismusdiskussionen die Hochschule und dann die DDR wieder verließ. Dietel hat also nicht direkt bei Stam studiert, aber immer wieder die große Stellung hervorgehoben, die er hatte, gerade auch mit Blick auf Marianne Brandt, die für ihn als Gestalterin von großer Bedeutung war und um die er sich auch persönlich später sehr gekümmert hat. Brandt und Dietel, gleichwohl sie eine Generation älter war, verband nicht nur die Stadt Chemnitz, sondern auch die Poesie der funktionalen Gestaltung und der Wunsch, menschengerecht zu gestalten.
Dieser Wunsch brachte Dietel nach seiner Studienzeit zurück in seine Heimatregion, nach Karl-Marx-Stadt, wo er anfangs für den VEB Zentrale Entwicklung und Konstruktion für den Fahrzeugbau gearbeitet hat; für Eisenach gestaltete er den Grundentwurf des Wartburg 353 und zusammen mit Lutz Rudolph auch die Innenausstattung. Sehr früh zeigte sich zu der Zeit Dietels Drang nach Unabhängigkeit und Selbstbestimmung, sodass er sich ab 1963 freischaffend und im Kollektiv betätigte. Zusammen mit Lutz Rudolph und zum Teil auch mit Dieter von Amende, die das Kollektiv 3f bildeten, entwarf er viele unterschiedliche Produkte, die die Alltagskultur in der DDR maßgeblich prägten. Viele von Ihnen werden diese Objekte aus eigener Lebenserfahrung kennen: neben LKW, Autos und Motorrädern wie die berühmte Simson S50 und S51, gestaltete er Meßtechnik, Schreibmaschinen wie die berühmten Erika, Radios wie das Heliradio und Lautsprecher, Computer, Telefone, oder ganze Maschinen wie die große Strickmaschine im Industriemuseum. Auch für den öffentlichen Raum hat Dietel Objekte entworfen, so Sitzmobiliar, Plastiken, Lichtgestaltungen und Brunnen, später dann auch ganze Raum- und Farbgestaltungen, Signets, kommemorative Tafeln und vieles mehr. Vieles davon ist bis heute noch in Chemnitz und anderen Städten zu sehen. Wie nur wenige hat Dietel das Leben von zwei Generationen in der DDR ästhetisch-funktional mitgeprägt.
Bis ins hohe Alter war er aktiv und befasste sich mit der Gestaltung der Lebenswelt, zu der auch der Erhalt alter Bausubstanz gehörte, gegen deren Abriss durch die Stadt er sich vehement und öffentlichkeitswirksam einsetzte, leider bisweilen vergeblich. Denn das Neue zu gestalten ging bei ihm immer einher damit, sich des Alten und der guten Traditionen zu erinnern. Entsprechend stark war sein Engagement für Marianne Brandt und das Bauhaus, das bis in die 1970er Jahre hinein in der DDR keineswegs ein positiver Referenzpunkt gewesen war.
Parallel zu seiner Arbeit als Formgestalter hatte Dietel immer die Nähe zur Lehre gesucht, hat von 1967 bis 1975 Lehraufträge an der Burg Giebichenstein in Halle inne, danach in Schneeberg, wo er dann auch 1984 zum Professor berufen wurde, 1986 zum Direktor.
Zahlreich waren die Auseinandersetzungen mit Funktionären, die er mit Blick auf eine gute und menschenfreundliche Gestaltung führte, was zumeist aus bürokratischem Kleingeist und mangelnden Ressourcen abgelehnt wurde. Insgesamt 7 Nachfolgemodelle für den Trabant hatte Dietel seit 1965 an entworfen, ohne dass ein einziges in die Produktion ging! Die Dispute mit Funktionären mögen überraschen, wusste Dietel doch immer auch wie mit der Macht und dem System umzugehen sei, um in der SED-Diktatur nicht unterzugehen und seine Ziele zu verwirklichen. Er selbst war eine Zeit lang in der SED und SED-Bezirksleitung von Karl-Marx-Stadt gewesen, wurde zugleich aber von der Staatssicherheit observiert, seine Nähe zu den eigensinnigen Künstlern im Umfeld der Clara Mosch war hier wohl ausschlaggebend. Er hatte offizielle Stellungen inne, war Vorsitzender der Sektion Formgestaltung des VBK, seit 1974 auch Vizepräsident des Verbands, kurz vor dem Ende der DDR, 1988, wurde er sogar zum Präsidenten des VBK in der Nachfolge von Willi Sitte gewählt. Aber nicht, dass ein falscher Eindruck entsteht, wenn man aus der Distanz darauf schaut, Dietel kannte die Mechanismen der Macht und wusste damit umzugehen. Meines Wissens nach missbrauchte er seine Stellung aber nicht und stand zu seinen Überzeugungen, beugte sich nicht der Partei, wie sich an seinem Rücktritt von der Funktion des Vizepräsidenten des VBK 1981 zeigt, als das 1972 gegründete Amt für industrielle Formgestaltung zu übergriffig, vereinheitlichend und bestimmend wurde. Das Leben und Arbeiten in der DDR war ein ständiges Abwägen von Nähe und Distanz zu Partei und Staat, die Verhältnisse waren nicht Schwarz-Weiß, sondern umfassten viele Grautöne, deren Bewertung noch aussteht.
Viele Details könnten noch genannt werden, viele Erfolge und Misserfolge, eine lange Liste an Auszeichnungen etwa aus der DDR-Zeit wie den Nationalpreis der DDR 1980 oder den Preis DDR im Kollektiv 1984 oder dann nach der Vereinigung als bisher einziger ostdeutscher Gestalter auch den Designpreis der Bundesrepublik Deutschland 2014.
Clauss Dietel verstand sich nie als reiner Praktiker, auch wenn er sich bisweilen so bezeichnete. Seine Arbeit in den Hochschulen, seine Artikel, die er in renommierten Zeitschriften veröffentlichte, sein Engagement im Verband und vieles mehr zeichnete ihn als einen nicht nur universell gebildeten und interessieren Gestalter aus, sondern auch als jemanden, der sinnvoll und menschlich wirken wollte, der etwas verändern und voranbringen wollte, und dabei sein großes Wissen mit seiner praktischen Arbeit in Verbindung brachte. Erlauben Sie mir ein Zitat von Walter Scheiffele, sehr guter Kenner der deutschen Designgeschichte, der auch die vor gut einem Jahr erschienene Publikation zu Dietel verfasst hat, die mithilfe der Kunstsammlungen erschienen ist: „Das zeichnet Karl Clauss Dietel vor vielen Gestaltern aus: eine durchgängig mit der industriellen Praxis ringende Theoriebildung, die im Diskurs mit Künstlern, Kunstwissenschaftlern und Philosophen nach dem geistigen Grund der Gestaltung sucht. Wie wenige andere – vergleichbar scheint da Rudolf Horn, der die Frage nach dem Finalisten in der Formgebung aufgeworfen hat – erkundet Dietel in der Geschichte der Moderne deren Bewegungen zwischen Kunst und Technik, die dem alltäglichen Leben der Gesellschaft von Nutzen sind. Für das „offene Prinzip“, die „Gebrauchspatina“, für „Langlebigkeit, Leichtigkeit, Lebensfreundlichkeit“, sich zurückhaltenden Dinge, die den Menschen mehr Größe zubilligen, setzt er sich ein. Gestaltung, nicht Design, war dafür der Begriff, mit dem zu operieren war.“
Walter Scheifele nennt hier einen sehr wichtigen Punkt, der vielleicht zum wichtigsten Vermächtnis von Dietel gezählt werden kann – und den er, das sei immer wieder betont, aus seiner Zeit und den Produktionsbedingungen zusammen auch mit Kollegen wie Lutz Rudolph entwickelte: das „offene Prinzip“ und die großen 5 L, mit denen er seine Grundhaltung formulierte und die wir heute als ein Prinzip der Nachhaltigkeit verstehen können. 1982 fasste er diese Gestaltungsprinzipien in einem Text für die DDR-Designzeitschrift form + zweck als Gegenmodell zum bürokratischen Zentralismus aus Berlin zusammen: Die Produkte sollten langlebig, leicht, lütt, also klein, lebensfreundlich und leise gestaltet sein. Erlauben Sie mir, dass ich ihm noch mal direkt das Wort in verkürzter Form gebe. „Langlebig sollten unsere Dinge sein. Menschliches weist über die Zeit eines Menschen hinaus. Nicht für den Tag und baldiges Wegwerfen, sondern für langes Nutzen sind die Sachen zu gestalten. Gebrauchspatina als ästhetischer Reiz des Nutzens und Brauchens muss dafür an Produkten möglich sein. […] Leicht müssen unsere Dinge werden, um es uns nicht so schwer zu machen. […] Alles, was schwer ist, grenzt schöpferisch freien Umgang mit den Dingen ein. […] Lütt, klein, ist jede Sache im Raum anzustreben. […] Alles Dingliche, was die Funktion erfüllend dies bei kleinstem Volumen erreicht, macht den Menschen größer. […] Lebensfreundlich soll die zweite Natur erwachsen, die der Mensch sich erschafft. […] Fertigung, Verteilung und Nutzung der Dinge müssen deshalb durch ihre Gestaltung auf ökologische Verantwortung hin entwickelt werden. Alle biologischen Prozesse sollen nicht belastet, sondern gefördert werden. […] Leise möchten die Dinge um uns sich verhalten. Förderlich dem Gespräch, dienend der Muse, dem Spiel und der schöpferischen Anstrengung – sie alle nicht störend.“
Leise, oder eher nachdenklich, möchte ich auch die Laudatio auf Clauss Dietel beenden. Was bleibt? ist die Frage, die wir uns alle zum Ende stellen. Was bleibt von Dietel in dieser Stadt, materiell, aber vor allem ideell, neben dieser und anderen ehrenvollen Würdigungen? Aus meiner Sicht ist hier zu nennen das offene Prinzip des nachhaltigen Umgangs mit Ressourcen, das seit Carl von Carlowitz doch eigentlich fest in das Bewusstsein dieser Stadt verankert sein müsste, aber lange nicht war. Nachhaltigkeit ist eigentlich ein Chemnitzer Prinzip! In Chemnitz wurde Frei Otto geboren, dessen Leichtbauweise nach natürlichen Prinzipien in den 1970er und 1980er Jahre revolutionär war und heute noch eine der zukunftsweisenden, weil ressourcen- und energiearmen Konstruktionsweisen ist. Chemnitz als Stadt der Nachhaltigkeit – immerhin ist die Stadt einer von 3 vom Bund geförderten Standorten zur Wasserstoffforschung in Deutschland, was grandios ist! Chemnitz als Stadt der nachhaltigen Gestaltung, des grünen Produktdesigns. Noch ist das nicht der Fall, obwohl die Stadt gute Voraussetzungen dafür hat. Wir haben hier die Traditionen, zum Teil die Firmen, die Ideen und die Energie. Aber haben wir auch den Mut, eine solche an Dietel angelehnte Zukunftsperspektive weiter zu formulieren und umzusetzen? Ist es sinnvoll, die Diskussionen um die Etablierung eines Studiengangs oder gar einer Fachhochschule für Gestaltung hier in Chemnitz wiederaufzunehmen? Kann es einen Preis für nachhaltiges Design zu Ehren von Clauss Dietel geben? Brauchen wir nicht ein Forum für Gestaltung, wie Dietel selbst es forderte, in dem die verschiedenen Einrichtungen und Vereine ihre Sammlungen, ihr Wissen und ihre Energien zusammenbringen, um weiter an der ästhetischen Lebensweltgestaltung und Verbesserung der Lebensbedingungen unter der Maßgabe der Nachhaltigkeit zu arbeiten? Lassen Sie uns Claus Dietel als großen Chemnitzer ehren, aber vor allem lassen Sie uns ihm gedenken als jemanden, der für die Menschen hier etwas bewirken wollte, was im Einklang mit den menschlichen Bedürfnissen und dem Umgang mit den natürlichen Ressourcen stand! Die wahre Größe zeigt sich in der Zurückhaltung, aber nicht in der Passivität. Den geistigen Energieimpuls, den uns Clauss Dietel gab, lassen Sie uns ihn aufnehmen und in seinem Sinne Großes mit Blick auf Chemnitz als Stadt der Nachhaltigkeit schaffen.
Vielen Dank!